• Dorothea von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Frankfurt am Main · Place of Destination: Coppet · Date: 19.07.1816
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Dorothea von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Frankfurt am Main
  • Place of Destination: Coppet
  • Date: 19.07.1816
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 29. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Vom Wiener Kongress zum Frankfurter Bundestag (10. September 1814 ‒ 31. Oktober 1818). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Jean-Jacques Anstett unter Mitarbeit von Ursula Behler. Paderborn 1980, S. 205‒207.
  • Incipit: „[1] Frankfurt, 19ten July 1816
    Liebster Wilhelm!
    Sollte Friedrich heute wieder nicht dazu kommen Ihnen zu schreiben, so will wenigstens ich Ihnen sagen [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34097
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.23,Nr.37
  • Number of Pages: 8S., hs. m. U.
  • Format: 12,5 x 10,2 cm
[1] Frankfurt, 19ten July 1816
Liebster Wilhelm!
Sollte Friedrich heute wieder nicht dazu kommen Ihnen zu schreiben, so will wenigstens ich Ihnen sagen daß Ihr Brief angelangt ist und daß Sie gewiß recht bald einen ausführlichen von Ihren Bruder erhalten werden, sobald die „Arebeit“ es zuläßt, von „Hochgezeiten“ ist nicht viel die Rede. – Sie thun Ihrem Bruder das bitterste Unrecht wenn Sie im Ernst glauben daß er keinen Antheil nimmt an Ihrem Leben, und daß er nicht im Herzen trauert, Sie den hochwichtigen Angelegenheiten des Vaterlands so beinah entfremdet zu sehen. – Gesegnet sey N.[ina] wenn sie dazu ausersehen ist, etwas beizutragen daß Sie uns wieder gegeben werden! Seyn Sie versichert daß Friedrich gewiß nichts versäumen wird, was Ihre Angelegenheit [2] und Ihre Wünsche betrifft. Er wird Ihnen ausführlich darüber schreiben. Wundern sollten Sie sich doch am wenigsten, der Sie die große Welt kennen müssen, daß man Sie einigermaßen aufgegeben hat: die Gegenwart ist die Göttin dieser Herren – noch dazu da man Sie von mehr als einer Seite für fürstlich versorgt, und ihre Ansprüche für unerschwinglich halten mußte. – Die Eröffnung Ihrer Angelegenheit, was N.[ina] betrifft, hat uns nicht befremdet; wir ahndeten allerdings Ihr Verhältniß schon aus Ihren frühern Briefen; auch kenne ich sie, und mich wundert es nicht daß Sie ihrer Liebenswürdigkeit nicht widerstanden. Alles, was Sie über <dieses Verhältniß und die Aussicht für die Zukunft> schreiben, ist so zart gefühlt, so ganz Ihrer würdig, daß dies allein schon eine [3] hinreichende Bürgschaft für N.[ina] seyn muß das Glück des Lebens keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Was Sie und die Geliebte immer darüber beschließen mögen, es kann nichts anders als das Rechte und Beste seyn, und eben darum können auch nur Sie selbst darüber rathen oder bestimmen. Es ist schwer, daß ein Mensch den andern glücklich mache (ja, ich meines Theils glaube, daß dies gar nicht existirt, obgleich man dazu beytragen kann andere glücklich oder unglücklich seyn zu lassen), aber daß man, wenn man mit N.[ina] lebt, sehr glücklich mit ihr leben muß, davon bin ich überzeugt. Ich habe ihre ganze Schönheit vom ersten Augenblick an erkannt, und nie aufgehört sie zu lieben. – Aber liebster Bruder, Sie brauchen nicht allein [4] eine liebenswürdige Gefährtin, sondern auch eine Hausfrau, die des Tages Last und Hitze mitträgt. N.[ina] wird keinen Augenblick anstehen alles übernehmen zu wollen, wird aber auch ihre gewiß immer wankend bleibende Gesundheit solches Wesen ertragen? oder haben Sie Hoffnung sie wirklich völlig hergestellt zu sehen? – Möglich ist es immer, zumal sie durch Sie aus ihren altverhaßten Verhältnissen erlöst wird – wie herzlich würde ich mich freuen, sie glücklich und gesund zu wissen! – Haben Sie lieber Bruder nicht zwei Briefe <aus Wien> von mir in Italien erhalten, einen durch Franziska Caspers, den andern durch Pilat, ad: an Mr. Mirabeau? – Unsere Verhältnisse hier sind sehr ehrenvoll, und könnten auch [5] hinreichend einträglich seyn, wenn wir nicht noch immer bey der romantischen Methode blieben alle Vortheile der Art die uns zufließen sollten königlich zu vernachlässigen, und immer einen Thaler mehr zu brauchen als wir haben. Darin sind wir unverbesserlich – auch nimmt freilich die Theurung hier sehr zu; und die edeln Frankfurter Kaufmannsseelen, lassen sich die Ehre des Bundestages recht artig bezahlen.
Seitdem ich hier bin, lebt unser Nichtchen Auguste aus Dresden bey uns. Sie wissen daß Sie einen Baron Buttlar geheyrathet hat; Sie werden wenigstens diese Geschichten in den Briefen Ihrer Schwester finden, die Friedrich mit einschließen wird. Wie diese Heyrath geschehen konnte, ist uns hier ein Räthsel; [6] wir kennen von diesem Mann weiter nichts, als seine Briefe an das gute Kind, die er hierher schreibt, und noch dazu sehr selten; sie sind alle recht herzlich leer, und enthalten auch gar nichts als die Beweise seiner Ungeschicklichkeit und einige alltägliche süßliche Empfindsamkeiten die mir, ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sehr mißfallen, und einen übeln Eindruck machen. Augustchen aber glaubt ihn zu lieben; man darf also diesen Eindruck nicht kund geben um sie nicht zu kränken. Gott wolle daß ich mich irren möge, aber ich habe die böse Ahndung, man habe da einen dummen Streich gemacht und das liebe hübsche Kind übel berathen seyn lassen. Was aus allem dem werden soll, weiß der [7] Himmel. – Er hat nun seinen russischen Abschied, und sitzt in Glogau, und wartet auf eine Anstellung. Wie ist es möglich diese einem Mann zu verschaffen, den man durch nichts andres kennt, als durch eine Art von leidenschaftlicher Unrechtlichkeit, wodurch er sich in die schuldlose, ehrenvolle Familie eingeschlichen, und das <einzige> Kind an sich gezogen hat? Gebe nur Gott, daß es wenigstens wahre Leidenschaftlichkeit war, was ihn die Mittel weniger genau wählen ließ (so entschuldigt er <wenigstens> sich selbst) als nicht eine Berechnung vielmehr, da Ernstens für wohlhabend gelten, und das allerliebste Mädchen oben drein zu kriegen. – Doch wie gesagt, ich will mich herzlich [8] gern geirrt haben, und Gott danken wenn es sich anders ausweist.
Von meinen Söhnen aus Rom haben wir die schönsten Nachrichten. Bartholdy aus Berlin läßt sich sein Wohnzimmer in Rom al fresco malen, von deutschen Künstlern, wozu auch Philipp einen Theil des Auftrags erhalten hat. Sie sind beyde fleißig, wohlgesittet, und werden zu den Besten dort gezählt. Sie werden uns Gott sey Dank keine Schande bringen. Leben Sie wohl geliebter Bruder, und zweiflen Sie doch ja nie an unsre wärmste Theilnahme.
Dorothea
[1] Frankfurt, 19ten July 1816
Liebster Wilhelm!
Sollte Friedrich heute wieder nicht dazu kommen Ihnen zu schreiben, so will wenigstens ich Ihnen sagen daß Ihr Brief angelangt ist und daß Sie gewiß recht bald einen ausführlichen von Ihren Bruder erhalten werden, sobald die „Arebeit“ es zuläßt, von „Hochgezeiten“ ist nicht viel die Rede. – Sie thun Ihrem Bruder das bitterste Unrecht wenn Sie im Ernst glauben daß er keinen Antheil nimmt an Ihrem Leben, und daß er nicht im Herzen trauert, Sie den hochwichtigen Angelegenheiten des Vaterlands so beinah entfremdet zu sehen. – Gesegnet sey N.[ina] wenn sie dazu ausersehen ist, etwas beizutragen daß Sie uns wieder gegeben werden! Seyn Sie versichert daß Friedrich gewiß nichts versäumen wird, was Ihre Angelegenheit [2] und Ihre Wünsche betrifft. Er wird Ihnen ausführlich darüber schreiben. Wundern sollten Sie sich doch am wenigsten, der Sie die große Welt kennen müssen, daß man Sie einigermaßen aufgegeben hat: die Gegenwart ist die Göttin dieser Herren – noch dazu da man Sie von mehr als einer Seite für fürstlich versorgt, und ihre Ansprüche für unerschwinglich halten mußte. – Die Eröffnung Ihrer Angelegenheit, was N.[ina] betrifft, hat uns nicht befremdet; wir ahndeten allerdings Ihr Verhältniß schon aus Ihren frühern Briefen; auch kenne ich sie, und mich wundert es nicht daß Sie ihrer Liebenswürdigkeit nicht widerstanden. Alles, was Sie über <dieses Verhältniß und die Aussicht für die Zukunft> schreiben, ist so zart gefühlt, so ganz Ihrer würdig, daß dies allein schon eine [3] hinreichende Bürgschaft für N.[ina] seyn muß das Glück des Lebens keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Was Sie und die Geliebte immer darüber beschließen mögen, es kann nichts anders als das Rechte und Beste seyn, und eben darum können auch nur Sie selbst darüber rathen oder bestimmen. Es ist schwer, daß ein Mensch den andern glücklich mache (ja, ich meines Theils glaube, daß dies gar nicht existirt, obgleich man dazu beytragen kann andere glücklich oder unglücklich seyn zu lassen), aber daß man, wenn man mit N.[ina] lebt, sehr glücklich mit ihr leben muß, davon bin ich überzeugt. Ich habe ihre ganze Schönheit vom ersten Augenblick an erkannt, und nie aufgehört sie zu lieben. – Aber liebster Bruder, Sie brauchen nicht allein [4] eine liebenswürdige Gefährtin, sondern auch eine Hausfrau, die des Tages Last und Hitze mitträgt. N.[ina] wird keinen Augenblick anstehen alles übernehmen zu wollen, wird aber auch ihre gewiß immer wankend bleibende Gesundheit solches Wesen ertragen? oder haben Sie Hoffnung sie wirklich völlig hergestellt zu sehen? – Möglich ist es immer, zumal sie durch Sie aus ihren altverhaßten Verhältnissen erlöst wird – wie herzlich würde ich mich freuen, sie glücklich und gesund zu wissen! – Haben Sie lieber Bruder nicht zwei Briefe <aus Wien> von mir in Italien erhalten, einen durch Franziska Caspers, den andern durch Pilat, ad: an Mr. Mirabeau? – Unsere Verhältnisse hier sind sehr ehrenvoll, und könnten auch [5] hinreichend einträglich seyn, wenn wir nicht noch immer bey der romantischen Methode blieben alle Vortheile der Art die uns zufließen sollten königlich zu vernachlässigen, und immer einen Thaler mehr zu brauchen als wir haben. Darin sind wir unverbesserlich – auch nimmt freilich die Theurung hier sehr zu; und die edeln Frankfurter Kaufmannsseelen, lassen sich die Ehre des Bundestages recht artig bezahlen.
Seitdem ich hier bin, lebt unser Nichtchen Auguste aus Dresden bey uns. Sie wissen daß Sie einen Baron Buttlar geheyrathet hat; Sie werden wenigstens diese Geschichten in den Briefen Ihrer Schwester finden, die Friedrich mit einschließen wird. Wie diese Heyrath geschehen konnte, ist uns hier ein Räthsel; [6] wir kennen von diesem Mann weiter nichts, als seine Briefe an das gute Kind, die er hierher schreibt, und noch dazu sehr selten; sie sind alle recht herzlich leer, und enthalten auch gar nichts als die Beweise seiner Ungeschicklichkeit und einige alltägliche süßliche Empfindsamkeiten die mir, ich kann Ihnen gar nicht sagen wie sehr mißfallen, und einen übeln Eindruck machen. Augustchen aber glaubt ihn zu lieben; man darf also diesen Eindruck nicht kund geben um sie nicht zu kränken. Gott wolle daß ich mich irren möge, aber ich habe die böse Ahndung, man habe da einen dummen Streich gemacht und das liebe hübsche Kind übel berathen seyn lassen. Was aus allem dem werden soll, weiß der [7] Himmel. – Er hat nun seinen russischen Abschied, und sitzt in Glogau, und wartet auf eine Anstellung. Wie ist es möglich diese einem Mann zu verschaffen, den man durch nichts andres kennt, als durch eine Art von leidenschaftlicher Unrechtlichkeit, wodurch er sich in die schuldlose, ehrenvolle Familie eingeschlichen, und das <einzige> Kind an sich gezogen hat? Gebe nur Gott, daß es wenigstens wahre Leidenschaftlichkeit war, was ihn die Mittel weniger genau wählen ließ (so entschuldigt er <wenigstens> sich selbst) als nicht eine Berechnung vielmehr, da Ernstens für wohlhabend gelten, und das allerliebste Mädchen oben drein zu kriegen. – Doch wie gesagt, ich will mich herzlich [8] gern geirrt haben, und Gott danken wenn es sich anders ausweist.
Von meinen Söhnen aus Rom haben wir die schönsten Nachrichten. Bartholdy aus Berlin läßt sich sein Wohnzimmer in Rom al fresco malen, von deutschen Künstlern, wozu auch Philipp einen Theil des Auftrags erhalten hat. Sie sind beyde fleißig, wohlgesittet, und werden zu den Besten dort gezählt. Sie werden uns Gott sey Dank keine Schande bringen. Leben Sie wohl geliebter Bruder, und zweiflen Sie doch ja nie an unsre wärmste Theilnahme.
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