• August Wilhelm von Schlegel to Arnold H. L. Heeren

  • Place of Dispatch: Unknown · Place of Destination: Göttingen · Date: [ca. 1827]
Edition Status: Single collated printed full text without registry labelling not including a registry
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Arnold H. L. Heeren
  • Place of Dispatch: Unknown
  • Place of Destination: Göttingen
  • Date: [ca. 1827]
  • Notations: Datum erschlossen. – Datierung durch Erscheinen der „Indischen Bibliothek“ 1827.
    Printed Text
  • Bibliography: Indische Bibliothek. Eine Zeitschrift. Hg. v. August Wilhelm Schlegel. Bd. 2. Bonn 1827, S. 373–386.
  • Incipit: „Es hat mir ungemein leid gethan, daß Ew. Wohlgeboren aus meiner Indischen Bibliothek Anlaß zu einer Empfindlichkeit genommen haben, die Sie [...]“
    Language
  • German
Es hat mir ungemein leid gethan, daß Ew. Wohlgeboren aus meiner Indischen Bibliothek Anlaß zu einer Empfindlichkeit genommen haben, die Sie in der Vorrede zur zweiten Ausgabe Ihrer Schrift über das alte Indien äußern. Wiewohl ich mich hiebei ganz unschuldig weiß, so ist es mir doch angelegen, mich gegen den Verdacht zu rechtfertigen, als hätte ich Ihre Verdienste um die Indische Alterthumskunde absichtlich verschwiegen, ja vielleicht Ihre Entdeckungen mir unrechtmäßig zugeeignet. Denn diese Beschuldigungen liegen nur allzudeutlich in Ihren schonenden Worten.1 Da Ew. W. Ihre Klage öffentlich geführt haben, so werden Sie es natürlich finden, daß auch meine Erwiederung auf demselben Wege, durch den Druck, zu Ihnen gelangt.
In einem Aufsatze, womit ich die genannte Zeitschrift eröffnete: über den gegenwärtigen Zustand der Indischen Philologie, (im Jahre 1819) hätte nach Ihrer Meinung Ihr Name nicht übergangen werden dürfen. Aber ich bitte Ew. W. zu erwägen, daß ich in diesem kurzen Abrisse, wie schon dessen Ueberschrift besagt, nur von den bisherigen Fortschritten Europäischer Gelehrten in der Kenntniß des Sanskrit handeln wollte: von den vorhandenen und durch den Buchhandel verbreiteten Hülfsmitteln zur Erlernung jener Sprache, den Grammatiken, den Wörterbüchern, oder Glossarien; von den bisher gedruckten Ausgaben der Original-Texte; von den Anforderungen der Hermeneutik und Kritik an die künftig zu veranstaltenden, endlich von dem typographischen Werkzeuge. Hier hatte ich also keine Gelegenheit Sie zu nennen: auf die Ehre, Sie im Fache der Indischen Sprachkunde zum Vorgänger gehabt zu haben, muß ich Verzicht leisten. Ew. W. hatten nicht den entferntesten Grund, hiebei von meiner Seite übeln Willen vorauszusetzen, da ich so viele um die Indischen Alterthumskunde sehr verdiente Gelehrte, einen Rennel, einen Vincent u.a., ebenfalls nicht erwähnt, ja selbst bei den Stiftern dieses Sprachstudiums, mit Uebergehung ihrer übrigen Arbeiten, mich auf die Anzeige der eigentlich philologischen beschränkt hatte.
Es war Ew. W. angenehm, „mich in meinem Urtheilen meist mit Ihnen übereinstimmen zu sehen.“ Ohne Zweifel hatten Sie hiebei meine Aeußerungen in andern Stücken der Indischen Bibliothek vor Augen, da die in jenem Aufsatz abgehandelten Gegenstände, nach Ihrer eignen Erklärung, außer dem Kreise Ihrer Beurtheilung liegen.
Es würde sehr nachtheilig für die Erweiterung und Befestigung unsrer geschichtlichen Kenntnisse werden, wenn jeder, um seinen Scharfsinn und die Unabhängigkeit seiner Untersuchungen geltend zu machen, seinen Vorgängern widersprechen wollte. Leider ist es nur allzuoft geschehen. Das Wahre muß anerkannt werden, wie sehr es auch durch wiederholten Vortrag den Reiz der Neuheit verloren haben mag. Ich bitte Ew. W. zu glauben, dass es auch mir sehr willkommen ist, wenn ich nicht erst durch eine Widerlegung meinen Überzeugungen Eingang zu verschaffen brauche, wenn ich mich schon auf das Ansehen berühmter Gelehrten berufen, und auf fester Grundlage weiter fortbauen kann. Ich bin daher keineswegs gesonnen in Abrede zu stellen, daß ich in vielen Hauptpunkten mit Ihren Ansichten vom alten Indien ganz einverstanden bin: vielmehr erkläre ich diese Uebereinstimmung sehr gern ausdrücklich. Nur muß ich bemerken, um nicht gegen andere Vorgänger ungerecht zu seyn, daß ich, lange bevor die erste Ausgabe Ihrer Schrift über Indien erschien, hauptsächlich aus zwei Büchern dieselben Belehrungen geschöpft, dieselben Ueberzeugungen gefaßt hatte, welche nachher mein Bewegungsgrund wurden, sobald sich die Gelegenheit darbot, das Sanskrit zu erlernen. Daß erste dieser Bücher rührt von einem Manne her, den ganz Europa als einen gelehrten, gründlichen, besonnenen und unbefangenen Geschichtforscher, zugleich als einen Meister in der Geschichtschreibung verehrt. Ew. W. errathen nun schon, daß ich Robertson meine. Im Jahr 1791 erschien seine „historische Untersuchung über die Kentniß, welche die Alten von Indien besessen, und über den Fortschritt des Handels mit diesem Lande bis zur Entdeckung der Seefahrt um das Vorgebirge der guten Hoffnung; nebst einem Anhange, enthaltend Bemerkungen über die bürgerliche Verfassung, die Gesetze und die Rechtspflege, die Künste und Wissenschaften, und über die religiösen Einrichtungen der Indier.“
Aus dem ausführlichen genau entsprechenden Titel geht schon hervor, daß die Schrift denselben Gegenstand wie die Ihrige behandelt. Aber auch in den Ergebnissen der Untersuchung findet eine Uebereinstimmung Statt, welche selbst dem flüchtigsten Leser beider Schriften nicht entgehen kann. Wie Sie hat Robertson das hohe Alterthum und die frühe Wichtigkeit des Handelsverkehrs mit Indien behauptet; wie Sie hat er diesen Satz durch die Zeugnisse der Alten, sowohl der Griechen und Römer, als der Biblischen Schiftsteller bewiesen; wie Sie hat er die Beschaffenheit dieses Handels treffend geschildert, der das Eigenthümliche hatte, daß die starke Ausfuhr meistens nicht von den Eingebohrnen des Landes, sondern von Fremden betrieben ward, welche ihren Bedarf aus Indien abholten; wie Sie hat er gezeigt, daß dieser Handel großentheils nicht in einem Austausch von Waaren bestand, sondern daß die Indischen Erzeugnisse, wie noch heut zu Tage, mit edlen Metallen vergütet werden mußten; wie Sie hat er dargethan, daß demungeachtet die Völker, welche in jedem Zeitalter ausschließend oder vornämlich im Besitze des Verkehrs mit Indien waren, zu außerordentlichem Wohlstande gelangten, weil sie die Masse des Eingetauften nur dem geringeren Theil nach selbst verbrauchten, das übrige aber mit großem Gewinn weiter verhandelten; wie Sie hat er hieraus auf die frühe und weite Verbreitung Indischer Waaren im ganzen Abendlande geschlossen; wie Sie hat er die Völker namhaft gemacht, welche nach einander die Vermittler dieses Verkehrs waren: in unsern ältesten historischen Zeiten die Phönicier und Araber; später die Bewohner Aegyptens unter den Ptolemäern, dann unter den Römern; wie Sie hat er die Wege nachgewiesen, worauf man nach Indien gelangte; die Fortschritte der Seefahrt bezeichnet, auf die Wichtigkeit des Caravanen-Handels aufmerksam gemacht, und dessen Wege auszumitteln gesucht; wie Sie hat er den Umstand, daß Indien in allen uns bekannten Zeitaltern, wenig des Auslandes bedürftig, diesem eine solche Menge, sowohl von Erzeugnissen seines Bodens und Himmelstriches als von künstlichen Arbeiten, liefern konnte, als einen Beweis großer Betriebsamkeit betrachtet; wie Sie hat er aus diesem Flore des Gewerbfleißes die Höhe und reiche Entwickelung der Indischen Cultur schon im entfernten Alterthume gefolgert; wie Sie hat er die Eigenthümlichkeit dieser Cultur in Bezug auf die gesellige Verfassung, auf Kunst und Wissenschaft nach den Zeugnissen der Alten, den heutigen Beobachtungen, den Denkmalen der Baukunst, endlich nach den wenigen Proben der Litteratur, welche damals ans Licht gefördert waren, treu und anschaulich aufgefaßt. Unstreitig haben Ew. W. manches einzelne berichtigt und genauer ausgeführt, wozu die vielseitigen Aufklärungen über das alte und neue Indien, welche in dem Zeitraume von vier und zwanzig Jahren bis zur ersten Ausgabe Ihrer Schrift, von drei und dreißig Jahren bis zu der neuesten, mitgetheilt worden sind, Ihnen Mittel an die Hand gaben; aber die Aehnlichkeik des Gemähldes in den Hauptzügen und allgemeinen Umrissen ist dadurch nicht vermindert worden.
Einen solchen Vorgänger nun haben Ew. W. nirgends erwähnt, nirgends, wäre es auch nur um sich die Mühe eines Beweises zu ersparen, auf ihn zurückgewiesen. Als ich zum erstenmale diese Bemerkung machte, traute ich meinem Gedächtnisse und meiner Aufmerksamkeit nicht. Ich ging Ihre Schrift verschiedentlich in dieser Beziehung durch. Es ist wirklich so. Der Name Robertson wird nirgends weder im Text noch in den Anmerkungen erwähnt. Unbekannt konnte Ihnen sein Werk, durch Georg Forsters Uebersetzung auch in Deutschland verbreitet, nicht geblieben seyn. Auch haben Sie dessen nackten Titel, ohne Lob oder Tadel, in Ihrem Handbuch der alten Staatengeschichte aufgeführt. Ohne Zweifel hatten Ew. Wohlgeboren einen triftigen Grund zu dieser Uebergehung. Ich vermuthe daß, ungeachtet der an der Oberfläche liegenden Uebereinstimmung, dennoch zwischen den beiderseitigen Ansichten ein geheimer Zwiespalt, ein innerer Widerspruch obwaltet, der nur mir nicht hat klar werden wollen. Vielleicht haben Sie, aus Schonung für das Andenken des würdigen Mannes, ihn nicht ausdrücklich widerlegen, seine Schwäche nicht offenbar machen wollen. Was mich in dieser Meinung bestärkt, ist dieß, daß Sie in Ihrer Vorrede, zwar ohne Nennung seines Namens und mit einer Wendung, wodurch das strenge Verwerfungsurtheil vielen Ihrer Leser entgehen mag, dennoch auf das entschiedenste seinem Werke allen Werth absprechen. „Dieser Abschnitt soll, sagen Sie, die nöthigen Vorkenntnisse umfassen, welche, außer der Sprache, derjenige bedarf, der sich mit Saskrit-Litteratur und Indischer Alterthumskunde beschäftigen will. Daß eine solche Einleitung zu diesem Studium nicht nur nützlich, sondern unentbehrlich sei, kann niemand verkennen. Als vor nunmehr zehn Jahren die erste Ausgabe dieser Untersuchungen in der dritten Auflage der Ideen als neuer Zusatz erschien, war durchaus nichts vorhanden, was diesem Bedürfnis hätte abhelfen können; und der schnelle Absatz, den damals der veranstaltete besondere Abdruck derselben fand, giebt mir die gegründete Hoffnung, nicht vergeblich gearbeitet, sondern der Sanskrit-Litteratur in Deuschland ihren Eingang wesentlich erleichtert zu haben. Aber auch seit dieser Zeit ist mir nichts bekannt geworden, was diese Lücke ausfüllen könnte.“
Robertson hatte freilich bei Abfassung seiner Schrift außer dem gelehrten Zwecke, noch einen höheren praktischen. Er wollte die Wichtigkeit des Handels mit Indien ins Licht setzen; er wollte zeigen, daß das Gedeihen dieses Handels auf dem Flore des Gewerbfleißes, folglich auf der Bevölkerung und dem innern Wohlstande beruhe, welche durch Erpressungen und rohe Gewalt nothwendig zu Grunde gehen müssen; er wollte seinen Landsleuten Achtung vor einer Nation von mehr als hundert Millionen Menschen einflößen, deren Beherrschung das Schicksal in ihre Hand gegeben hatte; er forderte diese Achtung im Namen des alten Ruhmes und der geistigen Ausbildung, im Namen der frühen Fortschritte in Benutzung der Natur, in Kunst und Wissenschaft, womit die Indier andern Völkern vorangegangen sind. „Wenn ich höffen dürfte, sagt er am Schlusse seines Werkes mit einer rührenden Erhebung des Gemüths, „daß die Schilderung, welche ich von den Sitten und Einrichtungen der Bewohner Indiens gegeben habe, nur im geringsten Grade und mit einem entfernten Einflusse, dazu beitragen könnte, mehr Achtung vor ihrem Charakter einzuflößen, und ihre Lage glücklicher zu machen, so würde ich meine litterarischen Arbeiten mit der Genugthuung beschließen zu denken, daß ich nicht vergeblich gelebt oder geschrieben habe.“
Segen den Manen des weisen und frommen Menschenfreundes! Seine Hoffnungen sind nicht unerfüllt geblieben. Gemeinschaftlich mit Warren Hastings, Sir William Jones und so manchen andern edeln Britten hat er dahin gewirkt, daß in Indien eine besser geordnete Verwaltung eingeführt, daß der Grundsatz anerkannt wurde, die bürgerlichen Verhältnisse nach dem einheimischen Gesetz zu richten, nach jenem alten Gesetz, welches die Griechen bewog, die Indier als die gerechtesten aller Menschen zu rühmen. Wie hätte hiebei die Stimme eines Schriftstellers überhört werden mögen, der bei seiner Nation das größte Ansehen genoß und noch genießt, dessen milde und edle Gesinnung, dessen heitrer und besonnener Geist überall hervorleuchtet; dessen anschauliche Darstellung, dessen sanfte Beredsamkeit, anspruchslos bei der gewähltesten Reinheit und Zierlichkeit des Vortrags, auch solche Leser anziehen muß, die keine Teilnahme an dem Gegenstande mit hinzubringen?
Neben diesem höheren Zwecke hatte Robertson aber auch ganz bestimmt die Absicht, Neigung zur Erforschung der Indischen Alterthümer und Litteratur zu erwecken. Darum verweilt er mit Vorliebe bei den alten Denkmalen der Baukunst; darum giebt er von den wenigen damals ans Licht gezogenen Original-Schriften Auszüge und Proben, die ein günstiges Urtheil bewirken konnten; darum geht er sogar aus seiner eigentlichen Sphäre hinaus, und handelt ausführlich von den Fortschritten der Indier in der Mathematik und Astronomie, wobei ihm sein berühmter Freund Playfair zu Hülfe kam. Der bescheidene Mann wollte, wie er selbst sagt, nur ein populares Werk liefern, doch hat er in den Anmerkungen auch die gelehrten Leser bedacht, und sich auf sehr gründliche Erörterungen eingelassen.
Robertsons Schrift war allerdings vorhanden, als die Ihrige erschien. Dennoch war nach Ihrer Versicherung durchaus nichts vorhanden, was zur Einleitung in das Studium der Sanskrit-Litteratur und Indischen Alterthumskunde hätte dienen können. Folglich ist auch seine Schrift völlig unbrauchbar, und verdient in die Rumpelkammer der Bibliotheken geworfen zu werden.
Nach dieser Darlegung Ihrer Verfahrungsweise gegen Robertson wird es niemanden befremden, daß Ew. W. es mit meinem Bruder Friedrich von Schlegel, einige Citationen ausgenommen, nicht anders gehalten haben. Seine Schrift über die Sprache und Weisheit der Indier ist im Jahre 1808, sieben Jahre vor der Ihrigen erschienen; er hat darin von dem Bau des Sanskrit, von dessen Verwandtschaft mit dem Persischen und mehreren abendländischen Sprachen, von der Philosophie und Poesie der Indier gehandelt; er hat in einem eignen Abschnitt den Werth und Zweck des Indischen Studiums zu würdigen und zu bestimmen versucht. Dennoch war nach Ihrer Versicherung durchaus nichts vorhanden, was zur Einleitung in dieses Studium hätte dienen können. Ew. W. bleibt es überlassen, diese zwar verkleideten und auf einem Umwege vorgebrachten, aber darum nicht weniger zuversichtlichen Urtheile zu rechtfertigen. Vor der Hand glaube ich immer noch meinen Schülern jene beiden Schriften empfehlen zu können: um so mehr, weil sie sich gewissermaßen ergänzen, indem Robertson mehr eine exoterische, mein Bruder eine esoterische Einleitung zu Kenntniß des alten Indiens gegeben hat.
Ew. W. hatten die wohlwollende Absicht, die Deutschen Gelehrten, die sich mit dem Sanskrit beschäftigen, durch Ihr Lob aufzumuntern und zu belohnen, wiewohl dies etwas gewagt war. Denn da Ihnen hiebei ein zuverläßiger Maaßstab der Beurtheilung fehlt, so liefen Sie Gefahr, Leistungen von sehr verschiedenem Werth in gleichen Rang zu stellen. Aber die Zeitverordnung hätte ohne Kenntniß der Sprache wohl beobachtet werden mögen. Dennoch hat sich ein beträchtlicher Anachronismus eingeschlichen.
S. 93. 94. „Die kriegerischen Verhältnisse und die Continentalsperre hielten die wichtigen theils in England, wo bereits ein eigenes Institut, zu Hartford College, für die Erlernung der Indischen Sprache gestiftet war, theils in Bengalen erschienenen Hülfsmittel, Sprachlehren und Grammatiken, zurück, bis die wieder hergestellte Ruhe sie uns mit so vielen andern zuführte. Dennoch war schon unterdessen der Deutsche Geist erwacht, und zwei junge Männer, die Herren Bopp und Frank, unterstützt von der Freigebigkeit der Baierischen Regierung, gingen nach England an die Quelle, und kamen mit reicher Ausbeute zurück. In ihre Fußtapfen traten die Schlegel und Andere, und wir dürfen nicht mehr zweifeln, daß die schon aufgekeimte Saat auch reifen, und reiche Früche tragen wird.“
Ich kann es mir gern gefallen lassen, hier im Nachtrabe zu erscheinen: für meinen Bruder aber muß ich eine Protestation einlegen. Er hat im Frühling des Jahres 1803 unter der Leitung seines Freundes, des jüngst verstorbenen Alexander Hamilton, in Paris angefangen das Sanskrit zu erlernen. In der Vorrede zu der eben erwähnten Schrift hat er von seinen Hülfsmitteln und Arbeiten Bericht erstattet. Ich habe von der damaligen Schwierigkeit des Unternehmens gesprochen. (Ind. Bibl. B. 1 S. 6.) Es wäre überflüssig ein Wort weiter hinzuzufügen. Mein Bruder ist unbestritten der erste Deutsche, der in Europa, ohne nach Indien gereist zu sein, sich die Kenntnis des Sanskrit erworben und Proben davon abgelegt hat. Weit entfernt, in dieser Priorität einen eiteln Ruhm zu suchen, hat er vielmehr die vergeßnen Namen Deutscher Missionare ans Licht gezogen, welche schon im siebzehnten und zu Anfange des achtzehnten Jahrhunderts sich derselben Bemühung unterzogen hatten.
Im Jahr 1808 gab er seine Schrift über die Sprache und Weisheit der Indier heraus. Hr. Othmar Frank beschäftigte sich damals noch ausschließend mit dem Persischen, und unternahm in seiner Schrift: de Persidis lingua et genio, Commentationes Phaosophico-Persicae, 1809, meinen Bruder zu widerlegen, indem er behauptete, jedoch ohne andre Kenntniß des Sanskrit, als die aus dem Pater Paullinus geschöpfte, diese Sprache sei aus dem Neupersischen abzuleiten, welches er in seiner heutigen Form für uralt ausgab. Aus einer beträchtlich späteren, aber in einem ähnlichen Sinne abgefaßten Schrift (Fragmente eines Versuchs über dynamische Spracherzeugnung nach Vergleichungen der Persischen, Indischen und Deutschen Sprachen und Mythen, 1815.) ergiebt sich deutlich, daß der Vf. sich auch damals noch keine eigene und unmittelbare Bekanntschaft mit dem Sanskrit verschafft hatte. Hrn. Bopp gebührt in der Zeitfolge die zweite Stelle. Er hatte eben in dem Werke meines Bruders, und in dem Rath seines Lehrers, meines würdigen Freundes Windischmann, die wirksamste Anregung zu seinen Vorhaben gefunden, und ging im J. 1812 nach Paris, um es zur Ausführung zu bringen. Kurz nach Beendigung des Krieges hatte ich das Glück ihn dort kennen zu lernen. Bald darauf übten wir uns gemeinschaftlich, wie wir auch seitdem immer in freundschaftlichem Wetteifer und Einverständniß für denselben Zweck gewirkt haben.
Bereits im J. 1815 (Heidelb. Jahrb. 1815, Sept. Nr. 56.) beeiferter ich mich, dem Publicum die Ewartungen von Hrn. Bopp anzukündigen, welche er seitdem vollkommen gerechtfertigt hat. Seine Abhandlung über das Conjugations-System der Sanskrit-Sprache, nebst Uebersetzung, erschien im J. 1816, durch eine geistreiche und beredte Vorrede seines Lehrers in die gelehrte Welt eingeführt; seine Ausgabe des Nalus im Jahr 1819. Herrn Othmar Franks Chrestomathie im Jahre 1820, seine Grammatik im Jahr 1823. Aber ich fürchte, Sie haben es mit dem zuletzt genannten Schritsteller ganz verdorben: Ihr Ausdruck, ich sei in seine Fußstapfen getreten, klingt allzu ironisch. Was von mir geschehen, (Bhag. G. Praef. p. XII, XIII. Ind. Bibl. B. II., S. 19-24) könnte man eher ein Hindurchtreten durch die Fußstapfen nennen.
Ein Historiker von Ihrem Range vernachläßigt die Chronologie selbst in Nebendingen nicht; Sie werden gewiß nicht unterlassen, dieß zu berichtigen. Allerdings konnten Ew. W. mit Recht erwarten, daß in einer den Indischen Studien ausschließlich gewidmeten Zeitschrift von Ihrem Werke ausführlich die Rede seyn würde. Auch ist dies bisher nur zufällig unterblieben. Das Publicum war schon seit fünf Jahren in Besitz der ersten Ausgabe, als ich meine Zeitschrift eröffnete; und ich war darin zunächst mit den neuesten gelehrten Mittheilungen und mit eignen Untersuchungen beschäftigt. Seitdem die zweite Ausgabe in der Sammlung Ihrer historischen Werke erschien, haben andre Geschäfte und Arbeiten geraume Zeit die Fortsetzung der Indischen Bibliothek unterbrochen. Jetzt hoffe ich Sie zu überzeugen, daß ich Ihrem Werke meine ganze Aufmerksamkeit zugewendet habe. Ich wähle dazu nicht die trockne und unfruchtbare Form der Recensionen, welche gewöhnlich keine für die Wissenschaft ersprießlichen gegenseitigen Erörterungen herbeizuführen pflegt. Ihnen selbst will ich meine Bemerkungen, Zweifel, Einwendungen, ja meinen entschiedenen Widerspruch vorlegen, und ich bin gewiß, daß Sie in meiner Freimüthigkeit einen Beweis meiner Hochachtung sehen werden. Die Blätter dieser Zeitschrift stehen Ihnen jederzeit zu meiner Widerlegung offen.

1 Heeren’s Werke. XII. Thl. S. 12. „Der kurze Aufsatz, über den jetzigen Zustand der Indischen Philologie, den der Herr Prof. A. W. von Schlegel auf 27 Seiten dem ersten Stück seiner Indischen Bibliothek vorgesetzt hat, kann dazu wohl nicht hinreichen. Hat es demselben gleich nicht nötig geschienen, seinen Vorgänger auch nur mir einem Wort darin zu erwähnen, so ist es diesem doch angenehm gewesen, ihn in seinem Urtheilen meist mit sich übereinstimmen zu sehen.“
Es hat mir ungemein leid gethan, daß Ew. Wohlgeboren aus meiner Indischen Bibliothek Anlaß zu einer Empfindlichkeit genommen haben, die Sie in der Vorrede zur zweiten Ausgabe Ihrer Schrift über das alte Indien äußern. Wiewohl ich mich hiebei ganz unschuldig weiß, so ist es mir doch angelegen, mich gegen den Verdacht zu rechtfertigen, als hätte ich Ihre Verdienste um die Indische Alterthumskunde absichtlich verschwiegen, ja vielleicht Ihre Entdeckungen mir unrechtmäßig zugeeignet. Denn diese Beschuldigungen liegen nur allzudeutlich in Ihren schonenden Worten.1 Da Ew. W. Ihre Klage öffentlich geführt haben, so werden Sie es natürlich finden, daß auch meine Erwiederung auf demselben Wege, durch den Druck, zu Ihnen gelangt.
In einem Aufsatze, womit ich die genannte Zeitschrift eröffnete: über den gegenwärtigen Zustand der Indischen Philologie, (im Jahre 1819) hätte nach Ihrer Meinung Ihr Name nicht übergangen werden dürfen. Aber ich bitte Ew. W. zu erwägen, daß ich in diesem kurzen Abrisse, wie schon dessen Ueberschrift besagt, nur von den bisherigen Fortschritten Europäischer Gelehrten in der Kenntniß des Sanskrit handeln wollte: von den vorhandenen und durch den Buchhandel verbreiteten Hülfsmitteln zur Erlernung jener Sprache, den Grammatiken, den Wörterbüchern, oder Glossarien; von den bisher gedruckten Ausgaben der Original-Texte; von den Anforderungen der Hermeneutik und Kritik an die künftig zu veranstaltenden, endlich von dem typographischen Werkzeuge. Hier hatte ich also keine Gelegenheit Sie zu nennen: auf die Ehre, Sie im Fache der Indischen Sprachkunde zum Vorgänger gehabt zu haben, muß ich Verzicht leisten. Ew. W. hatten nicht den entferntesten Grund, hiebei von meiner Seite übeln Willen vorauszusetzen, da ich so viele um die Indischen Alterthumskunde sehr verdiente Gelehrte, einen Rennel, einen Vincent u.a., ebenfalls nicht erwähnt, ja selbst bei den Stiftern dieses Sprachstudiums, mit Uebergehung ihrer übrigen Arbeiten, mich auf die Anzeige der eigentlich philologischen beschränkt hatte.
Es war Ew. W. angenehm, „mich in meinem Urtheilen meist mit Ihnen übereinstimmen zu sehen.“ Ohne Zweifel hatten Sie hiebei meine Aeußerungen in andern Stücken der Indischen Bibliothek vor Augen, da die in jenem Aufsatz abgehandelten Gegenstände, nach Ihrer eignen Erklärung, außer dem Kreise Ihrer Beurtheilung liegen.
Es würde sehr nachtheilig für die Erweiterung und Befestigung unsrer geschichtlichen Kenntnisse werden, wenn jeder, um seinen Scharfsinn und die Unabhängigkeit seiner Untersuchungen geltend zu machen, seinen Vorgängern widersprechen wollte. Leider ist es nur allzuoft geschehen. Das Wahre muß anerkannt werden, wie sehr es auch durch wiederholten Vortrag den Reiz der Neuheit verloren haben mag. Ich bitte Ew. W. zu glauben, dass es auch mir sehr willkommen ist, wenn ich nicht erst durch eine Widerlegung meinen Überzeugungen Eingang zu verschaffen brauche, wenn ich mich schon auf das Ansehen berühmter Gelehrten berufen, und auf fester Grundlage weiter fortbauen kann. Ich bin daher keineswegs gesonnen in Abrede zu stellen, daß ich in vielen Hauptpunkten mit Ihren Ansichten vom alten Indien ganz einverstanden bin: vielmehr erkläre ich diese Uebereinstimmung sehr gern ausdrücklich. Nur muß ich bemerken, um nicht gegen andere Vorgänger ungerecht zu seyn, daß ich, lange bevor die erste Ausgabe Ihrer Schrift über Indien erschien, hauptsächlich aus zwei Büchern dieselben Belehrungen geschöpft, dieselben Ueberzeugungen gefaßt hatte, welche nachher mein Bewegungsgrund wurden, sobald sich die Gelegenheit darbot, das Sanskrit zu erlernen. Daß erste dieser Bücher rührt von einem Manne her, den ganz Europa als einen gelehrten, gründlichen, besonnenen und unbefangenen Geschichtforscher, zugleich als einen Meister in der Geschichtschreibung verehrt. Ew. W. errathen nun schon, daß ich Robertson meine. Im Jahr 1791 erschien seine „historische Untersuchung über die Kentniß, welche die Alten von Indien besessen, und über den Fortschritt des Handels mit diesem Lande bis zur Entdeckung der Seefahrt um das Vorgebirge der guten Hoffnung; nebst einem Anhange, enthaltend Bemerkungen über die bürgerliche Verfassung, die Gesetze und die Rechtspflege, die Künste und Wissenschaften, und über die religiösen Einrichtungen der Indier.“
Aus dem ausführlichen genau entsprechenden Titel geht schon hervor, daß die Schrift denselben Gegenstand wie die Ihrige behandelt. Aber auch in den Ergebnissen der Untersuchung findet eine Uebereinstimmung Statt, welche selbst dem flüchtigsten Leser beider Schriften nicht entgehen kann. Wie Sie hat Robertson das hohe Alterthum und die frühe Wichtigkeit des Handelsverkehrs mit Indien behauptet; wie Sie hat er diesen Satz durch die Zeugnisse der Alten, sowohl der Griechen und Römer, als der Biblischen Schiftsteller bewiesen; wie Sie hat er die Beschaffenheit dieses Handels treffend geschildert, der das Eigenthümliche hatte, daß die starke Ausfuhr meistens nicht von den Eingebohrnen des Landes, sondern von Fremden betrieben ward, welche ihren Bedarf aus Indien abholten; wie Sie hat er gezeigt, daß dieser Handel großentheils nicht in einem Austausch von Waaren bestand, sondern daß die Indischen Erzeugnisse, wie noch heut zu Tage, mit edlen Metallen vergütet werden mußten; wie Sie hat er dargethan, daß demungeachtet die Völker, welche in jedem Zeitalter ausschließend oder vornämlich im Besitze des Verkehrs mit Indien waren, zu außerordentlichem Wohlstande gelangten, weil sie die Masse des Eingetauften nur dem geringeren Theil nach selbst verbrauchten, das übrige aber mit großem Gewinn weiter verhandelten; wie Sie hat er hieraus auf die frühe und weite Verbreitung Indischer Waaren im ganzen Abendlande geschlossen; wie Sie hat er die Völker namhaft gemacht, welche nach einander die Vermittler dieses Verkehrs waren: in unsern ältesten historischen Zeiten die Phönicier und Araber; später die Bewohner Aegyptens unter den Ptolemäern, dann unter den Römern; wie Sie hat er die Wege nachgewiesen, worauf man nach Indien gelangte; die Fortschritte der Seefahrt bezeichnet, auf die Wichtigkeit des Caravanen-Handels aufmerksam gemacht, und dessen Wege auszumitteln gesucht; wie Sie hat er den Umstand, daß Indien in allen uns bekannten Zeitaltern, wenig des Auslandes bedürftig, diesem eine solche Menge, sowohl von Erzeugnissen seines Bodens und Himmelstriches als von künstlichen Arbeiten, liefern konnte, als einen Beweis großer Betriebsamkeit betrachtet; wie Sie hat er aus diesem Flore des Gewerbfleißes die Höhe und reiche Entwickelung der Indischen Cultur schon im entfernten Alterthume gefolgert; wie Sie hat er die Eigenthümlichkeit dieser Cultur in Bezug auf die gesellige Verfassung, auf Kunst und Wissenschaft nach den Zeugnissen der Alten, den heutigen Beobachtungen, den Denkmalen der Baukunst, endlich nach den wenigen Proben der Litteratur, welche damals ans Licht gefördert waren, treu und anschaulich aufgefaßt. Unstreitig haben Ew. W. manches einzelne berichtigt und genauer ausgeführt, wozu die vielseitigen Aufklärungen über das alte und neue Indien, welche in dem Zeitraume von vier und zwanzig Jahren bis zur ersten Ausgabe Ihrer Schrift, von drei und dreißig Jahren bis zu der neuesten, mitgetheilt worden sind, Ihnen Mittel an die Hand gaben; aber die Aehnlichkeik des Gemähldes in den Hauptzügen und allgemeinen Umrissen ist dadurch nicht vermindert worden.
Einen solchen Vorgänger nun haben Ew. W. nirgends erwähnt, nirgends, wäre es auch nur um sich die Mühe eines Beweises zu ersparen, auf ihn zurückgewiesen. Als ich zum erstenmale diese Bemerkung machte, traute ich meinem Gedächtnisse und meiner Aufmerksamkeit nicht. Ich ging Ihre Schrift verschiedentlich in dieser Beziehung durch. Es ist wirklich so. Der Name Robertson wird nirgends weder im Text noch in den Anmerkungen erwähnt. Unbekannt konnte Ihnen sein Werk, durch Georg Forsters Uebersetzung auch in Deutschland verbreitet, nicht geblieben seyn. Auch haben Sie dessen nackten Titel, ohne Lob oder Tadel, in Ihrem Handbuch der alten Staatengeschichte aufgeführt. Ohne Zweifel hatten Ew. Wohlgeboren einen triftigen Grund zu dieser Uebergehung. Ich vermuthe daß, ungeachtet der an der Oberfläche liegenden Uebereinstimmung, dennoch zwischen den beiderseitigen Ansichten ein geheimer Zwiespalt, ein innerer Widerspruch obwaltet, der nur mir nicht hat klar werden wollen. Vielleicht haben Sie, aus Schonung für das Andenken des würdigen Mannes, ihn nicht ausdrücklich widerlegen, seine Schwäche nicht offenbar machen wollen. Was mich in dieser Meinung bestärkt, ist dieß, daß Sie in Ihrer Vorrede, zwar ohne Nennung seines Namens und mit einer Wendung, wodurch das strenge Verwerfungsurtheil vielen Ihrer Leser entgehen mag, dennoch auf das entschiedenste seinem Werke allen Werth absprechen. „Dieser Abschnitt soll, sagen Sie, die nöthigen Vorkenntnisse umfassen, welche, außer der Sprache, derjenige bedarf, der sich mit Saskrit-Litteratur und Indischer Alterthumskunde beschäftigen will. Daß eine solche Einleitung zu diesem Studium nicht nur nützlich, sondern unentbehrlich sei, kann niemand verkennen. Als vor nunmehr zehn Jahren die erste Ausgabe dieser Untersuchungen in der dritten Auflage der Ideen als neuer Zusatz erschien, war durchaus nichts vorhanden, was diesem Bedürfnis hätte abhelfen können; und der schnelle Absatz, den damals der veranstaltete besondere Abdruck derselben fand, giebt mir die gegründete Hoffnung, nicht vergeblich gearbeitet, sondern der Sanskrit-Litteratur in Deuschland ihren Eingang wesentlich erleichtert zu haben. Aber auch seit dieser Zeit ist mir nichts bekannt geworden, was diese Lücke ausfüllen könnte.“
Robertson hatte freilich bei Abfassung seiner Schrift außer dem gelehrten Zwecke, noch einen höheren praktischen. Er wollte die Wichtigkeit des Handels mit Indien ins Licht setzen; er wollte zeigen, daß das Gedeihen dieses Handels auf dem Flore des Gewerbfleißes, folglich auf der Bevölkerung und dem innern Wohlstande beruhe, welche durch Erpressungen und rohe Gewalt nothwendig zu Grunde gehen müssen; er wollte seinen Landsleuten Achtung vor einer Nation von mehr als hundert Millionen Menschen einflößen, deren Beherrschung das Schicksal in ihre Hand gegeben hatte; er forderte diese Achtung im Namen des alten Ruhmes und der geistigen Ausbildung, im Namen der frühen Fortschritte in Benutzung der Natur, in Kunst und Wissenschaft, womit die Indier andern Völkern vorangegangen sind. „Wenn ich höffen dürfte, sagt er am Schlusse seines Werkes mit einer rührenden Erhebung des Gemüths, „daß die Schilderung, welche ich von den Sitten und Einrichtungen der Bewohner Indiens gegeben habe, nur im geringsten Grade und mit einem entfernten Einflusse, dazu beitragen könnte, mehr Achtung vor ihrem Charakter einzuflößen, und ihre Lage glücklicher zu machen, so würde ich meine litterarischen Arbeiten mit der Genugthuung beschließen zu denken, daß ich nicht vergeblich gelebt oder geschrieben habe.“
Segen den Manen des weisen und frommen Menschenfreundes! Seine Hoffnungen sind nicht unerfüllt geblieben. Gemeinschaftlich mit Warren Hastings, Sir William Jones und so manchen andern edeln Britten hat er dahin gewirkt, daß in Indien eine besser geordnete Verwaltung eingeführt, daß der Grundsatz anerkannt wurde, die bürgerlichen Verhältnisse nach dem einheimischen Gesetz zu richten, nach jenem alten Gesetz, welches die Griechen bewog, die Indier als die gerechtesten aller Menschen zu rühmen. Wie hätte hiebei die Stimme eines Schriftstellers überhört werden mögen, der bei seiner Nation das größte Ansehen genoß und noch genießt, dessen milde und edle Gesinnung, dessen heitrer und besonnener Geist überall hervorleuchtet; dessen anschauliche Darstellung, dessen sanfte Beredsamkeit, anspruchslos bei der gewähltesten Reinheit und Zierlichkeit des Vortrags, auch solche Leser anziehen muß, die keine Teilnahme an dem Gegenstande mit hinzubringen?
Neben diesem höheren Zwecke hatte Robertson aber auch ganz bestimmt die Absicht, Neigung zur Erforschung der Indischen Alterthümer und Litteratur zu erwecken. Darum verweilt er mit Vorliebe bei den alten Denkmalen der Baukunst; darum giebt er von den wenigen damals ans Licht gezogenen Original-Schriften Auszüge und Proben, die ein günstiges Urtheil bewirken konnten; darum geht er sogar aus seiner eigentlichen Sphäre hinaus, und handelt ausführlich von den Fortschritten der Indier in der Mathematik und Astronomie, wobei ihm sein berühmter Freund Playfair zu Hülfe kam. Der bescheidene Mann wollte, wie er selbst sagt, nur ein populares Werk liefern, doch hat er in den Anmerkungen auch die gelehrten Leser bedacht, und sich auf sehr gründliche Erörterungen eingelassen.
Robertsons Schrift war allerdings vorhanden, als die Ihrige erschien. Dennoch war nach Ihrer Versicherung durchaus nichts vorhanden, was zur Einleitung in das Studium der Sanskrit-Litteratur und Indischen Alterthumskunde hätte dienen können. Folglich ist auch seine Schrift völlig unbrauchbar, und verdient in die Rumpelkammer der Bibliotheken geworfen zu werden.
Nach dieser Darlegung Ihrer Verfahrungsweise gegen Robertson wird es niemanden befremden, daß Ew. W. es mit meinem Bruder Friedrich von Schlegel, einige Citationen ausgenommen, nicht anders gehalten haben. Seine Schrift über die Sprache und Weisheit der Indier ist im Jahre 1808, sieben Jahre vor der Ihrigen erschienen; er hat darin von dem Bau des Sanskrit, von dessen Verwandtschaft mit dem Persischen und mehreren abendländischen Sprachen, von der Philosophie und Poesie der Indier gehandelt; er hat in einem eignen Abschnitt den Werth und Zweck des Indischen Studiums zu würdigen und zu bestimmen versucht. Dennoch war nach Ihrer Versicherung durchaus nichts vorhanden, was zur Einleitung in dieses Studium hätte dienen können. Ew. W. bleibt es überlassen, diese zwar verkleideten und auf einem Umwege vorgebrachten, aber darum nicht weniger zuversichtlichen Urtheile zu rechtfertigen. Vor der Hand glaube ich immer noch meinen Schülern jene beiden Schriften empfehlen zu können: um so mehr, weil sie sich gewissermaßen ergänzen, indem Robertson mehr eine exoterische, mein Bruder eine esoterische Einleitung zu Kenntniß des alten Indiens gegeben hat.
Ew. W. hatten die wohlwollende Absicht, die Deutschen Gelehrten, die sich mit dem Sanskrit beschäftigen, durch Ihr Lob aufzumuntern und zu belohnen, wiewohl dies etwas gewagt war. Denn da Ihnen hiebei ein zuverläßiger Maaßstab der Beurtheilung fehlt, so liefen Sie Gefahr, Leistungen von sehr verschiedenem Werth in gleichen Rang zu stellen. Aber die Zeitverordnung hätte ohne Kenntniß der Sprache wohl beobachtet werden mögen. Dennoch hat sich ein beträchtlicher Anachronismus eingeschlichen.
S. 93. 94. „Die kriegerischen Verhältnisse und die Continentalsperre hielten die wichtigen theils in England, wo bereits ein eigenes Institut, zu Hartford College, für die Erlernung der Indischen Sprache gestiftet war, theils in Bengalen erschienenen Hülfsmittel, Sprachlehren und Grammatiken, zurück, bis die wieder hergestellte Ruhe sie uns mit so vielen andern zuführte. Dennoch war schon unterdessen der Deutsche Geist erwacht, und zwei junge Männer, die Herren Bopp und Frank, unterstützt von der Freigebigkeit der Baierischen Regierung, gingen nach England an die Quelle, und kamen mit reicher Ausbeute zurück. In ihre Fußtapfen traten die Schlegel und Andere, und wir dürfen nicht mehr zweifeln, daß die schon aufgekeimte Saat auch reifen, und reiche Früche tragen wird.“
Ich kann es mir gern gefallen lassen, hier im Nachtrabe zu erscheinen: für meinen Bruder aber muß ich eine Protestation einlegen. Er hat im Frühling des Jahres 1803 unter der Leitung seines Freundes, des jüngst verstorbenen Alexander Hamilton, in Paris angefangen das Sanskrit zu erlernen. In der Vorrede zu der eben erwähnten Schrift hat er von seinen Hülfsmitteln und Arbeiten Bericht erstattet. Ich habe von der damaligen Schwierigkeit des Unternehmens gesprochen. (Ind. Bibl. B. 1 S. 6.) Es wäre überflüssig ein Wort weiter hinzuzufügen. Mein Bruder ist unbestritten der erste Deutsche, der in Europa, ohne nach Indien gereist zu sein, sich die Kenntnis des Sanskrit erworben und Proben davon abgelegt hat. Weit entfernt, in dieser Priorität einen eiteln Ruhm zu suchen, hat er vielmehr die vergeßnen Namen Deutscher Missionare ans Licht gezogen, welche schon im siebzehnten und zu Anfange des achtzehnten Jahrhunderts sich derselben Bemühung unterzogen hatten.
Im Jahr 1808 gab er seine Schrift über die Sprache und Weisheit der Indier heraus. Hr. Othmar Frank beschäftigte sich damals noch ausschließend mit dem Persischen, und unternahm in seiner Schrift: de Persidis lingua et genio, Commentationes Phaosophico-Persicae, 1809, meinen Bruder zu widerlegen, indem er behauptete, jedoch ohne andre Kenntniß des Sanskrit, als die aus dem Pater Paullinus geschöpfte, diese Sprache sei aus dem Neupersischen abzuleiten, welches er in seiner heutigen Form für uralt ausgab. Aus einer beträchtlich späteren, aber in einem ähnlichen Sinne abgefaßten Schrift (Fragmente eines Versuchs über dynamische Spracherzeugnung nach Vergleichungen der Persischen, Indischen und Deutschen Sprachen und Mythen, 1815.) ergiebt sich deutlich, daß der Vf. sich auch damals noch keine eigene und unmittelbare Bekanntschaft mit dem Sanskrit verschafft hatte. Hrn. Bopp gebührt in der Zeitfolge die zweite Stelle. Er hatte eben in dem Werke meines Bruders, und in dem Rath seines Lehrers, meines würdigen Freundes Windischmann, die wirksamste Anregung zu seinen Vorhaben gefunden, und ging im J. 1812 nach Paris, um es zur Ausführung zu bringen. Kurz nach Beendigung des Krieges hatte ich das Glück ihn dort kennen zu lernen. Bald darauf übten wir uns gemeinschaftlich, wie wir auch seitdem immer in freundschaftlichem Wetteifer und Einverständniß für denselben Zweck gewirkt haben.
Bereits im J. 1815 (Heidelb. Jahrb. 1815, Sept. Nr. 56.) beeiferter ich mich, dem Publicum die Ewartungen von Hrn. Bopp anzukündigen, welche er seitdem vollkommen gerechtfertigt hat. Seine Abhandlung über das Conjugations-System der Sanskrit-Sprache, nebst Uebersetzung, erschien im J. 1816, durch eine geistreiche und beredte Vorrede seines Lehrers in die gelehrte Welt eingeführt; seine Ausgabe des Nalus im Jahr 1819. Herrn Othmar Franks Chrestomathie im Jahre 1820, seine Grammatik im Jahr 1823. Aber ich fürchte, Sie haben es mit dem zuletzt genannten Schritsteller ganz verdorben: Ihr Ausdruck, ich sei in seine Fußstapfen getreten, klingt allzu ironisch. Was von mir geschehen, (Bhag. G. Praef. p. XII, XIII. Ind. Bibl. B. II., S. 19-24) könnte man eher ein Hindurchtreten durch die Fußstapfen nennen.
Ein Historiker von Ihrem Range vernachläßigt die Chronologie selbst in Nebendingen nicht; Sie werden gewiß nicht unterlassen, dieß zu berichtigen. Allerdings konnten Ew. W. mit Recht erwarten, daß in einer den Indischen Studien ausschließlich gewidmeten Zeitschrift von Ihrem Werke ausführlich die Rede seyn würde. Auch ist dies bisher nur zufällig unterblieben. Das Publicum war schon seit fünf Jahren in Besitz der ersten Ausgabe, als ich meine Zeitschrift eröffnete; und ich war darin zunächst mit den neuesten gelehrten Mittheilungen und mit eignen Untersuchungen beschäftigt. Seitdem die zweite Ausgabe in der Sammlung Ihrer historischen Werke erschien, haben andre Geschäfte und Arbeiten geraume Zeit die Fortsetzung der Indischen Bibliothek unterbrochen. Jetzt hoffe ich Sie zu überzeugen, daß ich Ihrem Werke meine ganze Aufmerksamkeit zugewendet habe. Ich wähle dazu nicht die trockne und unfruchtbare Form der Recensionen, welche gewöhnlich keine für die Wissenschaft ersprießlichen gegenseitigen Erörterungen herbeizuführen pflegt. Ihnen selbst will ich meine Bemerkungen, Zweifel, Einwendungen, ja meinen entschiedenen Widerspruch vorlegen, und ich bin gewiß, daß Sie in meiner Freimüthigkeit einen Beweis meiner Hochachtung sehen werden. Die Blätter dieser Zeitschrift stehen Ihnen jederzeit zu meiner Widerlegung offen.

1 Heeren’s Werke. XII. Thl. S. 12. „Der kurze Aufsatz, über den jetzigen Zustand der Indischen Philologie, den der Herr Prof. A. W. von Schlegel auf 27 Seiten dem ersten Stück seiner Indischen Bibliothek vorgesetzt hat, kann dazu wohl nicht hinreichen. Hat es demselben gleich nicht nötig geschienen, seinen Vorgänger auch nur mir einem Wort darin zu erwähnen, so ist es diesem doch angenehm gewesen, ihn in seinem Urtheilen meist mit sich übereinstimmen zu sehen.“
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