• August Wilhelm von Schlegel to Caroline de La Motte-Fouqué

  • Place of Dispatch: Charlottenburg (Berlin) · Place of Destination: Nennhausen · Date: 20.08.1813
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Caroline de La Motte-Fouqué
  • Place of Dispatch: Charlottenburg (Berlin)
  • Place of Destination: Nennhausen
  • Date: 20.08.1813
    Manuscript
  • Provider: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam
  • Classification Number: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 37 Gut Jahnsfelde Nr. 160
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Incipit: „[1] Charlottenburg d. 20ten
    August 1813
    Tausendfältigen Dank für Ihre überraschende freundliche Begrüßung, meine liebenswürdige und geistreiche Freundin – wofern Sie mir [...]“
  • Editors: Bamberg, Claudia · Varwig, Olivia
[1] Charlottenburg d. 20ten
August 1813
Tausendfältigen Dank für Ihre überraschende freundliche Begrüßung, meine liebenswürdige und geistreiche Freundin – wofern Sie mir anders noch erlauben Sie so zu nennen. Suchen Sie keine Geheimnisse hinter meinem Schweigen, bloß das bisherige ist an dem jetzigen Schuld; die Sünde führt diesen Fluch mit sich, daß man immer tiefer darein verstrickt wird, wenn einen nicht ein heilsamer Antrieb herausreißt; bloß weil ich nach so langer Versäumniß kein Ende mit Schreiben würde finden können, habe ich noch den Anfang nicht gefunden. Dieß gelte dann auch nicht für einen Brief, u alles was ich Ihnen und meinem Theuren Pellegrin zu sagen habe, bleibe für die Unterredung aufgespart, auf die ich zuverläßig hoffe. Seit meiner Ankunft habe ich lebhaft wenigstens ein kurzes Wiedersehen gewünscht, aber zu Anfang der Waffenruhe hielten mich Beschäf[2]tigungen fest, dann zerrüttete mich ein unglückliches Ereigniß, der Tod meines jungen tapfern Freundes Albert von Staël, der sein hoffnungsvolles Leben in einem unseligen Zweykampfe verschwendet hat, und ließ mich mehrere Wochen hindurch an nichts andres denken, als an die Briefe die ich der trostlosen Mutter zu schreiben hatte. Dieß veranlaßte mich auch zu einer Reise nach Doberan.
Daß unser Helden- und Liebessänger wieder unter den Fahnen sey, wußte ich schon, aber ich konnte mich ihm nicht nähern, ich wußte nicht einmal, wo ich ihn zu suchen hätte. Jetzt ist der Kriegsruf von neuem erschollen, u zwar unter den glücklichsten Vorbedeutung. – Österreich ist mit uns, u zwar gerüsteter und entschloßner als je, der Kronprinz von Schweden an der Spitze eines gewaltigen Heers, Moreau, der kriegserfahrne weise Moreau nach gehaltenen Verabredungen mit seinem alten Waffenbruder drüben [3] bey den Verbündeten, und überall, wo wir hindringen werden, Kriegsluft und Eifer der Völker für die gute Sache. Jetzt aber bin ich so an das Hauptquartier gebunden, daß ich mich durchaus nicht entfernen darf. Ich muß also erwarten, ob die Ereignisse des Krieges mich in die Umarmung des treuen geliebten Freundes führen werden. Auch nach dem lieben Nennhausen kann ich nur sehnsuchtsvolle Blicke hinwerfen, wenn auf der Landcharte den Bewegungen der Heere nachfolge. Möchten wir doch unsern Sitz in Ihrer Nähe aufschlagen! Allein ich fürchte es ist zu sehr seitwärts, nicht genug vorwärts. Wir waren erst in Oranienburg, dann in Potsdam aber nur kurze Zeit, nun seit drey Tagen hier u doch habe ich nur flüchtige Stunden in Berlin zubringen können. Ey nun, nach erfochtenem Waffenglück wird zu freundlich ruhigem Beysammenseyn auch Zeit und Raum werden. Freylich freylich wäre es unendlich schön gewesen, wenn [4] Fouqué unter den zur Begleitung des Kronprinzen abgeordneten Offizieren wäre. Kann er sich nicht noch hieher schicken lassen?
Mein ehrerbietiges Andenken an Ihren würdigen Herrn Vater. Diese Zeiten, denke ich, müßten ihn verjüngen, wenn er es bedürfte, aber das wackre biedre Herz hat ihn jung erhalten.
Über eines in Ihrem Briefe könnte ich fast zürnen: was reden Sie nur von ungewohntem Licht? Wir, mein Bruder und ich, meyne ich, gehören zu denen, die schon seit vielen Jahren die Herstellung Deutschlands als den ersten Gedanken in unserm Gemüth gehegt haben. So müsse es endlich kommen, habe ich immer gepredigt als es noch niemand glauben wollte, und nun ist der Kreuzzug der gesamtem Christenheit ja wirklich zu Stande gebracht. Jedoch ohne Groll! Leben Sie tausendmal wohl und auf ein glückliches Wiedersehen!
Ihr
AWS
Adresse: an den Regierungs-Rath v Schlegel im Hauptquartier des Kronprinzen von Schweden.
[1] Charlottenburg d. 20ten
August 1813
Tausendfältigen Dank für Ihre überraschende freundliche Begrüßung, meine liebenswürdige und geistreiche Freundin – wofern Sie mir anders noch erlauben Sie so zu nennen. Suchen Sie keine Geheimnisse hinter meinem Schweigen, bloß das bisherige ist an dem jetzigen Schuld; die Sünde führt diesen Fluch mit sich, daß man immer tiefer darein verstrickt wird, wenn einen nicht ein heilsamer Antrieb herausreißt; bloß weil ich nach so langer Versäumniß kein Ende mit Schreiben würde finden können, habe ich noch den Anfang nicht gefunden. Dieß gelte dann auch nicht für einen Brief, u alles was ich Ihnen und meinem Theuren Pellegrin zu sagen habe, bleibe für die Unterredung aufgespart, auf die ich zuverläßig hoffe. Seit meiner Ankunft habe ich lebhaft wenigstens ein kurzes Wiedersehen gewünscht, aber zu Anfang der Waffenruhe hielten mich Beschäf[2]tigungen fest, dann zerrüttete mich ein unglückliches Ereigniß, der Tod meines jungen tapfern Freundes Albert von Staël, der sein hoffnungsvolles Leben in einem unseligen Zweykampfe verschwendet hat, und ließ mich mehrere Wochen hindurch an nichts andres denken, als an die Briefe die ich der trostlosen Mutter zu schreiben hatte. Dieß veranlaßte mich auch zu einer Reise nach Doberan.
Daß unser Helden- und Liebessänger wieder unter den Fahnen sey, wußte ich schon, aber ich konnte mich ihm nicht nähern, ich wußte nicht einmal, wo ich ihn zu suchen hätte. Jetzt ist der Kriegsruf von neuem erschollen, u zwar unter den glücklichsten Vorbedeutung. – Österreich ist mit uns, u zwar gerüsteter und entschloßner als je, der Kronprinz von Schweden an der Spitze eines gewaltigen Heers, Moreau, der kriegserfahrne weise Moreau nach gehaltenen Verabredungen mit seinem alten Waffenbruder drüben [3] bey den Verbündeten, und überall, wo wir hindringen werden, Kriegsluft und Eifer der Völker für die gute Sache. Jetzt aber bin ich so an das Hauptquartier gebunden, daß ich mich durchaus nicht entfernen darf. Ich muß also erwarten, ob die Ereignisse des Krieges mich in die Umarmung des treuen geliebten Freundes führen werden. Auch nach dem lieben Nennhausen kann ich nur sehnsuchtsvolle Blicke hinwerfen, wenn auf der Landcharte den Bewegungen der Heere nachfolge. Möchten wir doch unsern Sitz in Ihrer Nähe aufschlagen! Allein ich fürchte es ist zu sehr seitwärts, nicht genug vorwärts. Wir waren erst in Oranienburg, dann in Potsdam aber nur kurze Zeit, nun seit drey Tagen hier u doch habe ich nur flüchtige Stunden in Berlin zubringen können. Ey nun, nach erfochtenem Waffenglück wird zu freundlich ruhigem Beysammenseyn auch Zeit und Raum werden. Freylich freylich wäre es unendlich schön gewesen, wenn [4] Fouqué unter den zur Begleitung des Kronprinzen abgeordneten Offizieren wäre. Kann er sich nicht noch hieher schicken lassen?
Mein ehrerbietiges Andenken an Ihren würdigen Herrn Vater. Diese Zeiten, denke ich, müßten ihn verjüngen, wenn er es bedürfte, aber das wackre biedre Herz hat ihn jung erhalten.
Über eines in Ihrem Briefe könnte ich fast zürnen: was reden Sie nur von ungewohntem Licht? Wir, mein Bruder und ich, meyne ich, gehören zu denen, die schon seit vielen Jahren die Herstellung Deutschlands als den ersten Gedanken in unserm Gemüth gehegt haben. So müsse es endlich kommen, habe ich immer gepredigt als es noch niemand glauben wollte, und nun ist der Kreuzzug der gesamtem Christenheit ja wirklich zu Stande gebracht. Jedoch ohne Groll! Leben Sie tausendmal wohl und auf ein glückliches Wiedersehen!
Ihr
AWS
Adresse: an den Regierungs-Rath v Schlegel im Hauptquartier des Kronprinzen von Schweden.
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