• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Dresden · Place of Destination: Amsterdam · Date: 07.12.1794
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
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    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Dresden
  • Place of Destination: Amsterdam
  • Date: 07.12.1794
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 23. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Bis zur Begründung der romantischen Schule (15. September 1788 ‒ 15. Juli 1797). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Ernst Behler u.a. Paderborn u.a. 1987, S. 217‒223.
  • Incipit: „Nimm meinen heißen Dank für die Zärtlichkeit mit der Du meine Erstgeburten aufgenommen hast. Dein Beyfall war mir der süßeste Selbstgenuß, [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34222
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.b,Nr.59
  • Number of Pages: 16 S. auf Doppelbl., hs.
  • Format: 18,9 x 11,3 cm
Nimm meinen heißen Dank für die Zärtlichkeit mit der Du meine Erstgeburten aufgenommen hast. Dein Beyfall war mir der süßeste Selbstgenuß, in dem ich seit gestern Abend schwelgte und mich berauschte. Daran bist Du Schuld, daß ich heute nichts habe machen können, als mich meinen unruhigen Fantasien überlaßen. Du hast es auch zu toll gemacht: Alles was ich zu leisten mag, kannst Du wohl Dein nennen, und wenn man das Seinige lobt, muß man immer etwas Bescheidenheit bewahren. Indeßen mag es so hingehen; ich werde suchen, was Du diesen unreifen Arbeiten schenkst, durch die folgenden zu verdienen; ich allein kann mich meiner noch nicht erfreuen. Noch lange nicht wird die Zeit kommen, wo ich es darf. Bis dahin sey Dein Beyfall meine Zufriedenheit und der Lohn meiner Anstrengung. –
Meinen Jubel über Deine beschloßne Rückkehr und meine Freude über den Dante. Ich stimme Kar.[oline] bey; mit der Ruhe hast Du noch nie geschrieben. Aber auch hat Dein Styl in einer andern Rücksicht sehr gewonnen. Er ist nervöser. – Ich kann Dir Deine Kritiken nicht vergelten, ich habe nicht das Talent. Nur mit einigen allgemeinen Bemerkungen begnüge Dich. Ueber den Dante sind wir ohnehin ganz einverstanden, und an Deinen Uebersetzungen kann es mir nicht einfallen zu kritisieren. Es hat mir geschienen, als wäre die Stelle von den Teufeln, dafür daß sie auf den ersten Anblick etwas beleidigend ist, zu lang. Allein sie ist freylich sehr charakteristisch und sehr kraftvoll. Das Beleidigende trift eigentlich nur die erste Lektüre und um die Länge zu beurtheilen müßte man das ganze Werk vor Augen haben. Alsdenn möchte ich im Allgemeinen Dich erinnern mit eingewebten Bemerkungen und Geschichte nicht zu sparsam umzugehen, wenigstens nichts von dem, was Du etwan im Manuscript <oder im Gedanken> hast, dem Leser zu unterschlagen, aus Furcht das Werk zu sehr aufzuschwellen. Auch die Stellen, welche Karoline nicht Kraft ihres Richteramtes, <sondern> Kraft ihrer Weiblichkeit ausgelöscht hat, laß Dir nicht unterschlagen. – Ein einzigmahl schien es mir, als ob Du in Gefahr schwebtest, in einen Fehler zu fallen, vor welchem Du etwas auf der Hut seyn mußt, nehmlich dem Hange zu einem schwärmerischen Kolorit im Ausdrucke. Es scheint mir überhaupt, daß Du nur zwey Klippen im Styl zu meiden hast. Beyde entspringen entfernter Weise aus dem edelsten Theile Deines Wesens und greifen eben darum Deinen Werken ins Leben. So sehr ich aber glaube, daß Du in diesen beyden Punkten unerbittlich <streng> gegen Dich seyn mußt, so wünschte ich, daß Du Dich übrigens ganz frey Deinem Hange überließest. Die Scylla Deines Styls ist der heilige Unmuth, die Reizbarkeit, die μηνις die Du vermuthlich vom Achilles geerbt hast. In diesem Stücke habe ich allen Respekt vor Karol.[ines] Tribunal, der gewiß nicht der leiseste Miston dieser Art entgeht. Für iezt bist Du untadelich; aber wenn Du vielleicht in der Folge einmahl angegriffen wirst, oder doch gereizt wirst, so wird es vielleicht einiger Wachsamkeit brauchen. – Die Charybdis – – was ich vorhin nannte ‚das heilige Ahndungsvermögenʻ. Ich möchte nicht daß Du dem Publikum Vorschub thätest, Dich wie Jakobi zu verkennen, welches der sichre Erfolg ist, und dann finde ich auch den aesthetischen Luxus, den Herder und Jakobi mit der Kunstsprache der Schwärmer treiben überflüßig und selbst geschmackwidrig. Wie viel edler ist die Einfalt des Hemsterhuys und die Bestimmtheit des Winkelmann. – Dein Styl war immer frisch und flüßig, iezt ist er auch nervös. Du vereinigst beynahe schon <vollkommen> die reine Bildung Winkelmanns mit Herders Lebendigkeit und mit Müllers Mannheit. Aber noch außerdem hast Du die Anlage zu etwas, was ich nicht nennen kann, weil wir kein Wort dafür haben, auch ist mir die Sache bey keinem Modernen vorgekommen, außer ein Verdacht davon bey Hemsterhuys. Die Alten nannten es Duft. So sagt Dionys sehr richtig: ‚über Platoʼs Werken schwebet ein Duft des Alterthums χνους ἀρχαιοτητοςʻ. Es ist wie die lebendige Luft in Claude Lorrainʼs Landschaften. Ich wünsche sehr Deine Entwürfe zu wißen, was Du vornehmen willst, wenn Du frey bist. Ich bin so reich an Projekten, daß ich heute auch welche für Dich ausgeheckt habe. Ich unterwerfe sie Deiner Nachsicht; <weil Du mir Deine nicht mittheilst, so muß ich mir helfen und selbst was ausdenken;> was die Poesie betrifft, so kommt es aufs Schicksal an, wie sehr Dich die Freyheit begeistern wird; darüber läßt sich nichts im Voraus bestimmen. Und vermuthlich wirst Du die Uebersetzung des Sh.[akespeare] wohl auch so treiben, nicht als Arbeit, sondern als Geschenk der Muse. Bist Du schon über die Arbeit bestimmt, welche Du zunächst vornehmen willst? – Mir scheint Dein Talent zur Geschichte, besonders zur Biographie überwiegend: ich glaube, Du vereinigst die Eigenschaften, die dazu gehören, in einem sehr seltnem Grade. Wie wäre es, wenn Du damit anfiengst, alle klassischen Werke (und nur diese) über neue Geschichte zu studiren: um Dir Deine Uebersicht vom Ganzem vollständiger zu machen, und etwa besondern Stoff auszuwählen. Eine Geschichte der Romantischen Poesie oder der Italiänischen Republiken, an die Du sonst wohl dachtest, scheint mir für iezt gleich zu umfaßend zu mühsam. In der Deutschen Geschichte sind herrliche Gegenstände zur Biographie ganz ungenutzt. Friedrich II. kennst Du aus Ital.[ienischen] Geschichtsschreibern; und die Scharteke, die in der Litt.[eratur]-Z.[eitung] so gepriesen wurde darf Dich nicht hindern. Allein ich möchte Dich vorzüglich auf Rudolf von Habsburg aufmerksam machen.* Ich bitte Dich ernstlich im ersten Theile des Müller nachzulesen was er von ihm sagt. Es wäre Deiner würdig auch diesen erhabenen Mann der Nacht des Mittelalters zu entreißen, und ihm wie dem Dante ein bleibendes Denkmahl zu setzen, zugleich ein Denkmahl Deines eignen Geistes. – Was ich Dich aber aufs Aller Ernstlichste zu überlegen bitte, ist folgender Einfall, welcher mir wirklich glücklich scheint. Du solltest ein Werk organisiren (ohngefähr wie Schillers historische Memoiren) nehmlich Auszüge <und Uebersetzungen> aus klassischen Geschichtsschreibern der Italiäner und Spanier, welche in Deutschland eigentlich wenig bekannt sind; mit Anmerkungen, Zusätzen, Einleitungen u.s.w. Wenn es auf die rechte Art angefangen wird, so zweifle ich nicht, daß Du einen Verleger und ein Publikum fändest. Dann würde das Werk Dir ein beträchtliches Einkommen gewähren, bey einer Arbeit die Dir angenehm und vermuthlich größtentheils sehr leicht wäre. Du hättest zugleich ein Vehikel, kleinere historische Aufsätze von Dir, ja alle Gedanken, die Du bey Gelegenheit des historischen Studiums hättest, zu nutzen und ins Publikum zu bringen. Allein freylich erforderte dieser Plan, daß Du keine andre Arbeiten vornähmest, und Dich außer den Eingebungen der Muse, auf das historische Studium einschränktest, Recensionen, <förmlichem Mit>Arbeiten an Journalen, Unterricht, Uebersetzen u.s.w. entsagtest. – Du könntest immer noch nebenhin historische neue Werke übersetzen; allein die Konkurrenz ist hier gewöhnlich so groß, daß nicht viel Seegen herauskömmt. – Ich stelle mir vor, diese Plane seyn Dir sehr angemeßen – auch hast Du wohl so viel Grund gelegt, daß die Mühe ehe Du zum Genuß gelangtest, mäßig wäre. Du bist mit allen neuen Sprachen völlig bekannt, und mit der Ital.[ienischen] Geschichte auch, und was das größte ist, Du kennst den Geist des Mittelalters durch den Dante. Vor allen andern vergiß nie; Dein Talent zur Biographie ist entschieden. Mit dem ‚heiligen Ahndungsvermögenʻ von Herder und Humbold verbindest Du eine weit männlichere Würdigung des sittlichen Werthes, wovon Stellen in Deinem Dante z. B. die von Farinata untrügliche Dokumente sind. Ich beschwöre Dich Dein Talent nicht zu zerstreuen; ich würde nicht so reden, und mich fürchten unbescheiden zu scheinen, wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, und wenn ich nicht glaubte, daß einige Gefahr da sey, Du selbst möchtest Dein Talent miskennen. – Ich will gar nicht sagen, daß Du es auf den Prof.[essor] der Geschichte anlegen solltest; ich wünsche daß Du nur grade so gelehrt wärest, als zu Deiner Kunst nothwendig wäre, und als Deine Neigung Dich triebe: und die Profeßorey wäre vielleicht keine gesunde Lebensart für Dich.
Willst Du nicht iezt Stücke aus der Hölle in Journale rücken laßen? – Wegen des Verlags rathe ich Dir nicht auf Göschen zu rechnen. Willst Du nicht an Humb.[oldt] deshalb schreiben?
Ich glaube auch, es wäre sehr gut, Du überwändest Dich und vollendetest den angefangnen Petrarka. Er wird vielleicht mehr Leser <als der Dante> und vermuthlich sehr viel Beyfall finden. Wenn Du ganz frey bist, so mußt Du das Ding ja in ein Paar Monaten machen können.
Ich dachte Dir noch sehr, sehr viel zu schreiben, und die beyden ersten Blätter ins Reine zu bringen, weil sie so unordentlich geschrieben sind. Ich habe aber etwas Kopfweh; es ist ein Nebel in meinem Gehirn, wie er vermuthlich das schöne Holland iezt bedeckt. Ich habe Dir so viel zu schreiben, und werde Dir über unsre Arbeiten künftig noch so viel zu schreiben haben, daß ich perennirend an Dich schreiben werde. Das heißt es soll immer ein Blatt an Dich auf meinem Tisch liegen, und ich werde jeden Moment dazu nutzen: allein zum Abschreiben, zu ordentlichen Briefen fehlt es mir ganz an Zeit, und Du mußt Dich so mit dem rohen Geschreibsel begnügen. – Deine Kritiken sind mir sehr nützlich gewesen. Unter den vielen, unzählig vielen Verbeßerungen des Aufsatzes über die Schulen, die ich schon im Sinne hatte, waren mir doch zwey entgangen, worauf Du mich aufmerksam gemacht hast: nehmlich eine kurze Lehre von der Vor-Homerischen Zeit, und bey der sogenannten Dorischen Schule, die Erwähnung der Baukunst. Das Letzte ist ein wahres Argument mehr: indem die Analogie die in der Baukunst erwiesne und bekannte Charakterverschiedenheit der beyden Stämme, auch in der Poesie erwarten läßt. Eine Verbeßerung, deren Bedürfnis Du auch gefühlt zu haben scheinst, bey dem Einwurf über die Elegiker ist folgende. Sie scheint mir nun erst dem ganzen Systeme Wahrheit und Vollendung zu geben. Ich wähle aus vielen Gründen für die vier Klaßen iezt den Namen Zeitalter, nicht Schule. Den Namen Schule behalte ich mir für die Unterabtheilungen des zweiten Zeitalters vor. Das erste kann das Mythische oder das Epische oder wenn Du willst, auch das Homerische heißen; die Gründe erräthst Du. Das zweite werde ich das Lyrische nennen, und es in die Dorische und Jonische Schule theilen; in der Jonischen Schule der Lyrik aber noch den eigenen Jonischen Styl (Anakreon <Mimnermus> – Simonides) und den Aeolischen Styl unterscheiden (Alcaeus, Sappho; Aeltere Arion, Terpander). Ich habe nämlich Unrecht gehabt, die Jonische und Aeolische Lyrik an die Dorische nur anzuschließen. Die Veranlaßung der Lyrik ist öffentlich oder privat – sie ist der Mund des Ruhmes und des Staats, oder die Sprache der Freude. Die erstere <Art der Lyrischen Poesie> ist ganz ausschließlich Dorisch; die andere ist ganz ausschl[ießlich] Jonisch: und in dieser zweiten Art ist es nur eine Verschiedenheit des Tons welche das Aeol.[ische] vom Jon.[ischen] trennt. Dieß lezte ist nur eine Vermuthung, bey den wenigen Ueberbleibseln, vielleicht eine zu gewagte.
Für die Notiz vom Menander und Lucil[ius] danke ich Dir auch recht sehr. Sie waren mir unbekannt. Ich hatte geglaubt, Lucil sey ein Schriftsteller, wie die Atellanischen. Die Bemerkungen über die Sprache werde ich nutzen: in dieser Hinsicht sind der Verbeßerungen <unzählige nöthig>, nicht blos was den Styl sondern auch was die Präcision des Details betrifft. Am meisten Dank bin ich Dir aber für die beyden ersten Bemerkungen schuldig auf die ich wohl nicht gefallen wäre. Du siehst hieraus beyläufig, daß ich Deiner Zucht gar nicht entlaufen bin, und ich bitte Dich recht sehr, mir nichts von Deinen Kritiken zu unterschlagen. Humbold hat mir über das Jonische und Dorische u.s.w. viel Gutes geschrieben; er scheint die Griechen sehr gut zu kennen. Er verwirft <eigentlich> meine ganze Eintheilung; hier sind jedoch seine Gründe nicht bedeutend. Körners Forderungen an Bündigkeit der Beweise sind so strenge, daß ich beynahe selbst zufrieden seyn darf, wenn ich ihn hierin völlig befriedigt habe. Beyde sind mir nützlich gewesen, aber keiner hat mir doch eigentlich eine Verbeßerung vorgeschlagen, die ich unbedingt hätte annehmen können, so wie Deine beyden. – Nach der neuen Eintheilung geht nun alles viel heßer von Statten. Die Gnomiker wie die Physiologen gehören zu dem mythischen Zeitalter; denn die Sage ist nicht bloß Erzählung sondern auch Lehre: daher das didaktische Gedicht im mythischen Zeitalter. Die Elegiker gehören ins Lyrische Zeitalter außer ein Epos nur in eleg.[ischem] Metro wie die Nanno des Mimnermus vermuthlich war. Es bleibt keine Lücke zwischen den beyden ersten Zeitaltern; wenn wir gleich aus der Zeit des Ueberganges, von den ältesten lyrischen Dichtern so gut als gar keine Fragm.[ente] haben. Ja die Geschichte der Sitten und der Bildung überläßt uns hier fast ganz unsern Vermuthungen: über den wichtigsten Zeitpunkt der ältern Griech.[ischen] Gesch[ichte], dem Uebergang der heroischen zur städtischen und republ.[ikanischen] Kultur haben wir so gut als gar keine Dokumente, hie und da eine verlohrne Spur. – Du scheinst auch die Mängel dessen, was ich von den Römischen Dichtern gesagt habe, gefühlt zu haben. Ich habe den Gesichtspunkt für sie gar nicht bestimmt angegeben. Er scheint mir aus vier Momenten zu bestehen; 1) die Römer empfiengen die Kunst von den Alexandrinern 2) die alte, gute Griech.[ische] Kunst war ihnen noch neu, daher Uebersetzung, Nachbildung dieser, Terenz, Plautus, Horaz, Lucrez – vielleicht auch Katull, Properz (zum Theil, Du nanntest einmahl den Mimnerm sein Vorbild) u.s.w. 3) die Römer waren Barbaren, die Kunst war bey ihnen nicht einheimisch – manent vestigia ruris. Horatius; es giebt Dinge, worin sie selbst unter den Alexandrinern sind 4) sie waren noch nicht entnervt wie die Alex[andriner], sie waren noch voll frischer Manneskraft, der Lebensquell war noch nicht versiegt – natura sublimis et acer. Horat[ius]. Daher sind sie mit unter weit über die Alexandriner. – Den Schwulst des Silbernen Zeitalters der Römer kann ich mir noch nicht ganz erklären; es ist als ob der Römische Geist (entartete Größe ist <sittlicher> Schwulst) wieder über die angenommene griechische Form Herr geworden wäre. – Daß ich das vor-Homerische übergieng, bey der Dorischen Schule Lücken ließ und es nur als Hypothese aufstellte, und daß ich lezthin die filosofischen Abtheilungen von den – ich möchte sagen physischen Grenzscheidungen, welche mit jenen zusammentreffen – trennen wollte, entsprang aus einem Grunde. Ich wollte durchaus nur von ganz bekanntem ausgehen, und wünschte besonders durch die letzte Aenderung zu bewirken, daß die Uebereinstimmung der philosophischen Klaßen und der physischen als Resultat nur hervorgienge, daß der Leser selbst das denken müßte. Mit einem Wort – es war die Furcht vor dem Scheine, jene philosophische Hypothese der Geschichte nur aufgedrungen, nur hineingelegt zu haben. Vor dem Scheine; denn das es nicht wirklich der Fall ist, weiß ich sehr gewiß. Ich wollte den Beweis von einer Vermuthung, von der ich zwar schon sehr überzeugt war, die aber nun unumstößliche Gewißheit ist, welche nur <noch> Berichtigungen, keine Wiederlegung zuläßt: der Beweis kann aber eigentl.[ich] kein andrer seyn, als die ganze Geschichte, und die ganze Theorie. Jezt will ich einen Grundriß von dem Ganzen liefern, und ich werde im Gegentheil über das Philosophische der Klaßen weit mehr sagen, besonders über ihren Zusammenhang, und Einheit. Wenn alle einzelnen Theile mit der größten Präcision vollendet seyn werden, so wird es ohnehin Gewißheit mit sich führen, und der Vortrag wird statt des hypothetischen dogmatisch seyn dürfen. –
Ich habe Deinen Dante Körnern mitgetheilt (ich hoffe nicht, daß er indiskret ist); er hat sehr großen Geschmack daran gefunden, und wünschte sehr, daß Du es ihm für die Horen überließest. Ich rathe Dir sehr dazu, und bitte auf jeden Fall mit erster Gelegenheit um Antwort. Bist Du es zufrieden, so laße ichs abschreiben, und schicke es durch Körner hin. – Die Horen sollen an die Stelle der Thalia kommen. Sch.[iller] ist Herausgeber; doch hat Humbold an der Direktion großen Antheil. Göthe ist einer der vorzüglichsten Mitarbeiter: Elegien, Episteln, Epigramme von ihm werden den Anfang machen. Der Plan des Journals ist nicht übel – die vorzüglichsten Schriftsteller Deutschlands sind zu Mitarbeitern eingeladen ohne Rücksicht auf System und Parthey. Ich nenne Dir nur Herder, Kant, Klopstock, Jakobi, um Dir zu beweisen wie unpartheyisch man wählte. Es läßt sich wohl erwarten, daß dieß Journal sehr viel Leser finden wird; darum wäre es Dir doch auch zu thun und in beßerer Gesellschaft, wenn Du überhaupt noch eine Probe vom Dante in Journalen willst drucken laßen, kann es nicht geschehen. Ich bitte aber um baldige Antwort. – Körner ist überhaupt ein Mensch von seltnem Geschmack. Er ist vielleicht nicht ohne natürliches Genie, könnte in Einem etwas bedeutendes leisten, vielleicht in der Musik, die sein eigentliches Fach scheint. Seine Lage entfernt ihn davon sich auf Eins zu konzentriren und sezt ihn in die Mitte aller philosophischen und aesthetischen Beschäftigungen. Die Mitte in der rechten Nähe und Entfernung ist aber vielleicht der günstigste Platz für den Geschmack. So möchte ich das nennen, was ihm eigenthümlich ist. Wenn ich Dir vielleicht so deutlicher bin; Humbold hat vielleicht unter Euch dreyen am meisten Empfänglichkeit, Körner am meisten Geschmack, und Du am meisten Sinn: oder eigentlich unendlich viel mehr. Jenen beyden traue ich nicht viel zu. Karoline vereinigt vielleicht Euren Sinn und Empfänglichkeit, hat aber unter allen vieren am wenigsten Geschmack, mit ihrer Erlaubniß. Und mit Deiner Erlaubniß, daß ich so lange geschwatzt habe. Gute Nacht. – Nächstens mehr.
Den 7ten December.

* den ich mir einmal gewählt hatte.
Nimm meinen heißen Dank für die Zärtlichkeit mit der Du meine Erstgeburten aufgenommen hast. Dein Beyfall war mir der süßeste Selbstgenuß, in dem ich seit gestern Abend schwelgte und mich berauschte. Daran bist Du Schuld, daß ich heute nichts habe machen können, als mich meinen unruhigen Fantasien überlaßen. Du hast es auch zu toll gemacht: Alles was ich zu leisten mag, kannst Du wohl Dein nennen, und wenn man das Seinige lobt, muß man immer etwas Bescheidenheit bewahren. Indeßen mag es so hingehen; ich werde suchen, was Du diesen unreifen Arbeiten schenkst, durch die folgenden zu verdienen; ich allein kann mich meiner noch nicht erfreuen. Noch lange nicht wird die Zeit kommen, wo ich es darf. Bis dahin sey Dein Beyfall meine Zufriedenheit und der Lohn meiner Anstrengung. –
Meinen Jubel über Deine beschloßne Rückkehr und meine Freude über den Dante. Ich stimme Kar.[oline] bey; mit der Ruhe hast Du noch nie geschrieben. Aber auch hat Dein Styl in einer andern Rücksicht sehr gewonnen. Er ist nervöser. – Ich kann Dir Deine Kritiken nicht vergelten, ich habe nicht das Talent. Nur mit einigen allgemeinen Bemerkungen begnüge Dich. Ueber den Dante sind wir ohnehin ganz einverstanden, und an Deinen Uebersetzungen kann es mir nicht einfallen zu kritisieren. Es hat mir geschienen, als wäre die Stelle von den Teufeln, dafür daß sie auf den ersten Anblick etwas beleidigend ist, zu lang. Allein sie ist freylich sehr charakteristisch und sehr kraftvoll. Das Beleidigende trift eigentlich nur die erste Lektüre und um die Länge zu beurtheilen müßte man das ganze Werk vor Augen haben. Alsdenn möchte ich im Allgemeinen Dich erinnern mit eingewebten Bemerkungen und Geschichte nicht zu sparsam umzugehen, wenigstens nichts von dem, was Du etwan im Manuscript <oder im Gedanken> hast, dem Leser zu unterschlagen, aus Furcht das Werk zu sehr aufzuschwellen. Auch die Stellen, welche Karoline nicht Kraft ihres Richteramtes, <sondern> Kraft ihrer Weiblichkeit ausgelöscht hat, laß Dir nicht unterschlagen. – Ein einzigmahl schien es mir, als ob Du in Gefahr schwebtest, in einen Fehler zu fallen, vor welchem Du etwas auf der Hut seyn mußt, nehmlich dem Hange zu einem schwärmerischen Kolorit im Ausdrucke. Es scheint mir überhaupt, daß Du nur zwey Klippen im Styl zu meiden hast. Beyde entspringen entfernter Weise aus dem edelsten Theile Deines Wesens und greifen eben darum Deinen Werken ins Leben. So sehr ich aber glaube, daß Du in diesen beyden Punkten unerbittlich <streng> gegen Dich seyn mußt, so wünschte ich, daß Du Dich übrigens ganz frey Deinem Hange überließest. Die Scylla Deines Styls ist der heilige Unmuth, die Reizbarkeit, die μηνις die Du vermuthlich vom Achilles geerbt hast. In diesem Stücke habe ich allen Respekt vor Karol.[ines] Tribunal, der gewiß nicht der leiseste Miston dieser Art entgeht. Für iezt bist Du untadelich; aber wenn Du vielleicht in der Folge einmahl angegriffen wirst, oder doch gereizt wirst, so wird es vielleicht einiger Wachsamkeit brauchen. – Die Charybdis – – was ich vorhin nannte ‚das heilige Ahndungsvermögenʻ. Ich möchte nicht daß Du dem Publikum Vorschub thätest, Dich wie Jakobi zu verkennen, welches der sichre Erfolg ist, und dann finde ich auch den aesthetischen Luxus, den Herder und Jakobi mit der Kunstsprache der Schwärmer treiben überflüßig und selbst geschmackwidrig. Wie viel edler ist die Einfalt des Hemsterhuys und die Bestimmtheit des Winkelmann. – Dein Styl war immer frisch und flüßig, iezt ist er auch nervös. Du vereinigst beynahe schon <vollkommen> die reine Bildung Winkelmanns mit Herders Lebendigkeit und mit Müllers Mannheit. Aber noch außerdem hast Du die Anlage zu etwas, was ich nicht nennen kann, weil wir kein Wort dafür haben, auch ist mir die Sache bey keinem Modernen vorgekommen, außer ein Verdacht davon bey Hemsterhuys. Die Alten nannten es Duft. So sagt Dionys sehr richtig: ‚über Platoʼs Werken schwebet ein Duft des Alterthums χνους ἀρχαιοτητοςʻ. Es ist wie die lebendige Luft in Claude Lorrainʼs Landschaften. Ich wünsche sehr Deine Entwürfe zu wißen, was Du vornehmen willst, wenn Du frey bist. Ich bin so reich an Projekten, daß ich heute auch welche für Dich ausgeheckt habe. Ich unterwerfe sie Deiner Nachsicht; <weil Du mir Deine nicht mittheilst, so muß ich mir helfen und selbst was ausdenken;> was die Poesie betrifft, so kommt es aufs Schicksal an, wie sehr Dich die Freyheit begeistern wird; darüber läßt sich nichts im Voraus bestimmen. Und vermuthlich wirst Du die Uebersetzung des Sh.[akespeare] wohl auch so treiben, nicht als Arbeit, sondern als Geschenk der Muse. Bist Du schon über die Arbeit bestimmt, welche Du zunächst vornehmen willst? – Mir scheint Dein Talent zur Geschichte, besonders zur Biographie überwiegend: ich glaube, Du vereinigst die Eigenschaften, die dazu gehören, in einem sehr seltnem Grade. Wie wäre es, wenn Du damit anfiengst, alle klassischen Werke (und nur diese) über neue Geschichte zu studiren: um Dir Deine Uebersicht vom Ganzem vollständiger zu machen, und etwa besondern Stoff auszuwählen. Eine Geschichte der Romantischen Poesie oder der Italiänischen Republiken, an die Du sonst wohl dachtest, scheint mir für iezt gleich zu umfaßend zu mühsam. In der Deutschen Geschichte sind herrliche Gegenstände zur Biographie ganz ungenutzt. Friedrich II. kennst Du aus Ital.[ienischen] Geschichtsschreibern; und die Scharteke, die in der Litt.[eratur]-Z.[eitung] so gepriesen wurde darf Dich nicht hindern. Allein ich möchte Dich vorzüglich auf Rudolf von Habsburg aufmerksam machen.* Ich bitte Dich ernstlich im ersten Theile des Müller nachzulesen was er von ihm sagt. Es wäre Deiner würdig auch diesen erhabenen Mann der Nacht des Mittelalters zu entreißen, und ihm wie dem Dante ein bleibendes Denkmahl zu setzen, zugleich ein Denkmahl Deines eignen Geistes. – Was ich Dich aber aufs Aller Ernstlichste zu überlegen bitte, ist folgender Einfall, welcher mir wirklich glücklich scheint. Du solltest ein Werk organisiren (ohngefähr wie Schillers historische Memoiren) nehmlich Auszüge <und Uebersetzungen> aus klassischen Geschichtsschreibern der Italiäner und Spanier, welche in Deutschland eigentlich wenig bekannt sind; mit Anmerkungen, Zusätzen, Einleitungen u.s.w. Wenn es auf die rechte Art angefangen wird, so zweifle ich nicht, daß Du einen Verleger und ein Publikum fändest. Dann würde das Werk Dir ein beträchtliches Einkommen gewähren, bey einer Arbeit die Dir angenehm und vermuthlich größtentheils sehr leicht wäre. Du hättest zugleich ein Vehikel, kleinere historische Aufsätze von Dir, ja alle Gedanken, die Du bey Gelegenheit des historischen Studiums hättest, zu nutzen und ins Publikum zu bringen. Allein freylich erforderte dieser Plan, daß Du keine andre Arbeiten vornähmest, und Dich außer den Eingebungen der Muse, auf das historische Studium einschränktest, Recensionen, <förmlichem Mit>Arbeiten an Journalen, Unterricht, Uebersetzen u.s.w. entsagtest. – Du könntest immer noch nebenhin historische neue Werke übersetzen; allein die Konkurrenz ist hier gewöhnlich so groß, daß nicht viel Seegen herauskömmt. – Ich stelle mir vor, diese Plane seyn Dir sehr angemeßen – auch hast Du wohl so viel Grund gelegt, daß die Mühe ehe Du zum Genuß gelangtest, mäßig wäre. Du bist mit allen neuen Sprachen völlig bekannt, und mit der Ital.[ienischen] Geschichte auch, und was das größte ist, Du kennst den Geist des Mittelalters durch den Dante. Vor allen andern vergiß nie; Dein Talent zur Biographie ist entschieden. Mit dem ‚heiligen Ahndungsvermögenʻ von Herder und Humbold verbindest Du eine weit männlichere Würdigung des sittlichen Werthes, wovon Stellen in Deinem Dante z. B. die von Farinata untrügliche Dokumente sind. Ich beschwöre Dich Dein Talent nicht zu zerstreuen; ich würde nicht so reden, und mich fürchten unbescheiden zu scheinen, wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, und wenn ich nicht glaubte, daß einige Gefahr da sey, Du selbst möchtest Dein Talent miskennen. – Ich will gar nicht sagen, daß Du es auf den Prof.[essor] der Geschichte anlegen solltest; ich wünsche daß Du nur grade so gelehrt wärest, als zu Deiner Kunst nothwendig wäre, und als Deine Neigung Dich triebe: und die Profeßorey wäre vielleicht keine gesunde Lebensart für Dich.
Willst Du nicht iezt Stücke aus der Hölle in Journale rücken laßen? – Wegen des Verlags rathe ich Dir nicht auf Göschen zu rechnen. Willst Du nicht an Humb.[oldt] deshalb schreiben?
Ich glaube auch, es wäre sehr gut, Du überwändest Dich und vollendetest den angefangnen Petrarka. Er wird vielleicht mehr Leser <als der Dante> und vermuthlich sehr viel Beyfall finden. Wenn Du ganz frey bist, so mußt Du das Ding ja in ein Paar Monaten machen können.
Ich dachte Dir noch sehr, sehr viel zu schreiben, und die beyden ersten Blätter ins Reine zu bringen, weil sie so unordentlich geschrieben sind. Ich habe aber etwas Kopfweh; es ist ein Nebel in meinem Gehirn, wie er vermuthlich das schöne Holland iezt bedeckt. Ich habe Dir so viel zu schreiben, und werde Dir über unsre Arbeiten künftig noch so viel zu schreiben haben, daß ich perennirend an Dich schreiben werde. Das heißt es soll immer ein Blatt an Dich auf meinem Tisch liegen, und ich werde jeden Moment dazu nutzen: allein zum Abschreiben, zu ordentlichen Briefen fehlt es mir ganz an Zeit, und Du mußt Dich so mit dem rohen Geschreibsel begnügen. – Deine Kritiken sind mir sehr nützlich gewesen. Unter den vielen, unzählig vielen Verbeßerungen des Aufsatzes über die Schulen, die ich schon im Sinne hatte, waren mir doch zwey entgangen, worauf Du mich aufmerksam gemacht hast: nehmlich eine kurze Lehre von der Vor-Homerischen Zeit, und bey der sogenannten Dorischen Schule, die Erwähnung der Baukunst. Das Letzte ist ein wahres Argument mehr: indem die Analogie die in der Baukunst erwiesne und bekannte Charakterverschiedenheit der beyden Stämme, auch in der Poesie erwarten läßt. Eine Verbeßerung, deren Bedürfnis Du auch gefühlt zu haben scheinst, bey dem Einwurf über die Elegiker ist folgende. Sie scheint mir nun erst dem ganzen Systeme Wahrheit und Vollendung zu geben. Ich wähle aus vielen Gründen für die vier Klaßen iezt den Namen Zeitalter, nicht Schule. Den Namen Schule behalte ich mir für die Unterabtheilungen des zweiten Zeitalters vor. Das erste kann das Mythische oder das Epische oder wenn Du willst, auch das Homerische heißen; die Gründe erräthst Du. Das zweite werde ich das Lyrische nennen, und es in die Dorische und Jonische Schule theilen; in der Jonischen Schule der Lyrik aber noch den eigenen Jonischen Styl (Anakreon <Mimnermus> – Simonides) und den Aeolischen Styl unterscheiden (Alcaeus, Sappho; Aeltere Arion, Terpander). Ich habe nämlich Unrecht gehabt, die Jonische und Aeolische Lyrik an die Dorische nur anzuschließen. Die Veranlaßung der Lyrik ist öffentlich oder privat – sie ist der Mund des Ruhmes und des Staats, oder die Sprache der Freude. Die erstere <Art der Lyrischen Poesie> ist ganz ausschließlich Dorisch; die andere ist ganz ausschl[ießlich] Jonisch: und in dieser zweiten Art ist es nur eine Verschiedenheit des Tons welche das Aeol.[ische] vom Jon.[ischen] trennt. Dieß lezte ist nur eine Vermuthung, bey den wenigen Ueberbleibseln, vielleicht eine zu gewagte.
Für die Notiz vom Menander und Lucil[ius] danke ich Dir auch recht sehr. Sie waren mir unbekannt. Ich hatte geglaubt, Lucil sey ein Schriftsteller, wie die Atellanischen. Die Bemerkungen über die Sprache werde ich nutzen: in dieser Hinsicht sind der Verbeßerungen <unzählige nöthig>, nicht blos was den Styl sondern auch was die Präcision des Details betrifft. Am meisten Dank bin ich Dir aber für die beyden ersten Bemerkungen schuldig auf die ich wohl nicht gefallen wäre. Du siehst hieraus beyläufig, daß ich Deiner Zucht gar nicht entlaufen bin, und ich bitte Dich recht sehr, mir nichts von Deinen Kritiken zu unterschlagen. Humbold hat mir über das Jonische und Dorische u.s.w. viel Gutes geschrieben; er scheint die Griechen sehr gut zu kennen. Er verwirft <eigentlich> meine ganze Eintheilung; hier sind jedoch seine Gründe nicht bedeutend. Körners Forderungen an Bündigkeit der Beweise sind so strenge, daß ich beynahe selbst zufrieden seyn darf, wenn ich ihn hierin völlig befriedigt habe. Beyde sind mir nützlich gewesen, aber keiner hat mir doch eigentlich eine Verbeßerung vorgeschlagen, die ich unbedingt hätte annehmen können, so wie Deine beyden. – Nach der neuen Eintheilung geht nun alles viel heßer von Statten. Die Gnomiker wie die Physiologen gehören zu dem mythischen Zeitalter; denn die Sage ist nicht bloß Erzählung sondern auch Lehre: daher das didaktische Gedicht im mythischen Zeitalter. Die Elegiker gehören ins Lyrische Zeitalter außer ein Epos nur in eleg.[ischem] Metro wie die Nanno des Mimnermus vermuthlich war. Es bleibt keine Lücke zwischen den beyden ersten Zeitaltern; wenn wir gleich aus der Zeit des Ueberganges, von den ältesten lyrischen Dichtern so gut als gar keine Fragm.[ente] haben. Ja die Geschichte der Sitten und der Bildung überläßt uns hier fast ganz unsern Vermuthungen: über den wichtigsten Zeitpunkt der ältern Griech.[ischen] Gesch[ichte], dem Uebergang der heroischen zur städtischen und republ.[ikanischen] Kultur haben wir so gut als gar keine Dokumente, hie und da eine verlohrne Spur. – Du scheinst auch die Mängel dessen, was ich von den Römischen Dichtern gesagt habe, gefühlt zu haben. Ich habe den Gesichtspunkt für sie gar nicht bestimmt angegeben. Er scheint mir aus vier Momenten zu bestehen; 1) die Römer empfiengen die Kunst von den Alexandrinern 2) die alte, gute Griech.[ische] Kunst war ihnen noch neu, daher Uebersetzung, Nachbildung dieser, Terenz, Plautus, Horaz, Lucrez – vielleicht auch Katull, Properz (zum Theil, Du nanntest einmahl den Mimnerm sein Vorbild) u.s.w. 3) die Römer waren Barbaren, die Kunst war bey ihnen nicht einheimisch – manent vestigia ruris. Horatius; es giebt Dinge, worin sie selbst unter den Alexandrinern sind 4) sie waren noch nicht entnervt wie die Alex[andriner], sie waren noch voll frischer Manneskraft, der Lebensquell war noch nicht versiegt – natura sublimis et acer. Horat[ius]. Daher sind sie mit unter weit über die Alexandriner. – Den Schwulst des Silbernen Zeitalters der Römer kann ich mir noch nicht ganz erklären; es ist als ob der Römische Geist (entartete Größe ist <sittlicher> Schwulst) wieder über die angenommene griechische Form Herr geworden wäre. – Daß ich das vor-Homerische übergieng, bey der Dorischen Schule Lücken ließ und es nur als Hypothese aufstellte, und daß ich lezthin die filosofischen Abtheilungen von den – ich möchte sagen physischen Grenzscheidungen, welche mit jenen zusammentreffen – trennen wollte, entsprang aus einem Grunde. Ich wollte durchaus nur von ganz bekanntem ausgehen, und wünschte besonders durch die letzte Aenderung zu bewirken, daß die Uebereinstimmung der philosophischen Klaßen und der physischen als Resultat nur hervorgienge, daß der Leser selbst das denken müßte. Mit einem Wort – es war die Furcht vor dem Scheine, jene philosophische Hypothese der Geschichte nur aufgedrungen, nur hineingelegt zu haben. Vor dem Scheine; denn das es nicht wirklich der Fall ist, weiß ich sehr gewiß. Ich wollte den Beweis von einer Vermuthung, von der ich zwar schon sehr überzeugt war, die aber nun unumstößliche Gewißheit ist, welche nur <noch> Berichtigungen, keine Wiederlegung zuläßt: der Beweis kann aber eigentl.[ich] kein andrer seyn, als die ganze Geschichte, und die ganze Theorie. Jezt will ich einen Grundriß von dem Ganzen liefern, und ich werde im Gegentheil über das Philosophische der Klaßen weit mehr sagen, besonders über ihren Zusammenhang, und Einheit. Wenn alle einzelnen Theile mit der größten Präcision vollendet seyn werden, so wird es ohnehin Gewißheit mit sich führen, und der Vortrag wird statt des hypothetischen dogmatisch seyn dürfen. –
Ich habe Deinen Dante Körnern mitgetheilt (ich hoffe nicht, daß er indiskret ist); er hat sehr großen Geschmack daran gefunden, und wünschte sehr, daß Du es ihm für die Horen überließest. Ich rathe Dir sehr dazu, und bitte auf jeden Fall mit erster Gelegenheit um Antwort. Bist Du es zufrieden, so laße ichs abschreiben, und schicke es durch Körner hin. – Die Horen sollen an die Stelle der Thalia kommen. Sch.[iller] ist Herausgeber; doch hat Humbold an der Direktion großen Antheil. Göthe ist einer der vorzüglichsten Mitarbeiter: Elegien, Episteln, Epigramme von ihm werden den Anfang machen. Der Plan des Journals ist nicht übel – die vorzüglichsten Schriftsteller Deutschlands sind zu Mitarbeitern eingeladen ohne Rücksicht auf System und Parthey. Ich nenne Dir nur Herder, Kant, Klopstock, Jakobi, um Dir zu beweisen wie unpartheyisch man wählte. Es läßt sich wohl erwarten, daß dieß Journal sehr viel Leser finden wird; darum wäre es Dir doch auch zu thun und in beßerer Gesellschaft, wenn Du überhaupt noch eine Probe vom Dante in Journalen willst drucken laßen, kann es nicht geschehen. Ich bitte aber um baldige Antwort. – Körner ist überhaupt ein Mensch von seltnem Geschmack. Er ist vielleicht nicht ohne natürliches Genie, könnte in Einem etwas bedeutendes leisten, vielleicht in der Musik, die sein eigentliches Fach scheint. Seine Lage entfernt ihn davon sich auf Eins zu konzentriren und sezt ihn in die Mitte aller philosophischen und aesthetischen Beschäftigungen. Die Mitte in der rechten Nähe und Entfernung ist aber vielleicht der günstigste Platz für den Geschmack. So möchte ich das nennen, was ihm eigenthümlich ist. Wenn ich Dir vielleicht so deutlicher bin; Humbold hat vielleicht unter Euch dreyen am meisten Empfänglichkeit, Körner am meisten Geschmack, und Du am meisten Sinn: oder eigentlich unendlich viel mehr. Jenen beyden traue ich nicht viel zu. Karoline vereinigt vielleicht Euren Sinn und Empfänglichkeit, hat aber unter allen vieren am wenigsten Geschmack, mit ihrer Erlaubniß. Und mit Deiner Erlaubniß, daß ich so lange geschwatzt habe. Gute Nacht. – Nächstens mehr.
Den 7ten December.

* den ich mir einmal gewählt hatte.
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